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Interview mit Annette Humpe

„Ein guter Song ist wie ein Polaroid“

Annette Humpe
Foto: Jim Rakete

Frau Humpe, wie war das, als Sie den Song „Taschen voll Gold“ das erste Mal gehört haben?

ANNETTE HUMPE: Ich war sehr gerührt und erstaunt, weil mir dieser eine Satz aufgefallen ist: „Pass auf, dass dir mein Herz nicht runterfällt.“ Den finde ich perfekt. Ich war überrascht, wie intensiv und auch wie professionell einige Textzeilen der Band waren.

Wie kam es zu dem Besuch in Bethel und der Zusammenarbeit mit der Band „Oder so!“?

ANNETTE HUMPE: Ich bin über einen persönlichen Kontakt nach Bethel gekommen. Ich habe mir drei Tage verschiedene Musikprojekte angeschaut und bin dann auf die Band gestoßen.

Worum geht es in „Taschen voll Gold“?

ANNETTE HUMPE: „Taschen voll Gold“ beschreibt die Schwierigkeit, seine Liebe zu erklären, ohne verletzt zu werden. Wenn sich ein junger Mensch überwindet und sagt, ich möchte Dir mein Herz schenken, dann ist da gleichzeitig diese Angst, dass der andere das Herz fallen lässt.

Das Gefühl haben sicher viele Teenager bei der ersten Liebe.

ANNETTE HUMPE: Das geht nicht nur Teenies so, sondern auch vielen Erwachsenen. Das zieht sich ja durchs ganze Leben.

Was macht einen guten Popsong aus?

ANNETTE HUMPE: Ein guter Popsong stellt eine Verbindung her, sodass der Zuhörer sagt: Mensch, das Gefühl kenne ich auch! Ein guter Song kann einen Menschen zum Weinen bringen, und dann fragt er sich: Woher weiß der Sänger bloß, dass es mir so geht?

Braucht ein guter Song eine Botschaft?

ANNETTE HUMPE: Nein, ein guter Song ist ein Polaroid von einer Stimmung, von einem Gefühl, ein Bild aus dem Leben. Und auf diesem Polaroid von „Taschen voll Gold“ sehe ich jemanden, der mutig sein Herz verschenkt, der den ersten Schritt wagt und in Kauf nimmt, dass er zurückgewiesen wird. Das kennt ja jeder.

Was war anders bei diesem Projekt mit der Bethel-Band „Oder so!“

ANNETTE HUMPE: Normal arbeite ich in Projekten, wo ich etwas langfristig aufbaue. Hier war durch den Charity-Gedanken für das 150-jährige Bethel-Jubiläum von Beginn an ziemlich klar, dass es nur eine Single inklusive B-Seite geben wird. Die Zusammenarbeit hat mir in jedem Fall gefallen und mich inspiriert.

Was war das Besondere in der Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderung?

ANNETTE HUMPE: Ich wusste nicht, was mich erwartet. Ich hatte wenige Erfahrungen mit Behinderten-Bands. Aber ich hatte ja Oliver Damaschek-Hahn, den Sozialarbeiter und Band-Coach, an meiner Seite, der dieses Projekt mit seiner hohen Musikalität und seiner Energie ins Leben gerufen hat. Die Sänger der Band sind sehr unterschiedlich, aber Oliver hat daraus ein Ganzes geformt.

War Ihr Anspruch an das Ergebnis geringer als sonst?

ANNETTE HUMPE: Nein, der Anspruch war zwar nicht, einen Profigesang aufzunehmen, aber der Anspruch war schon, dass es berührt. Den Anspruch habe ich immer, und das haben wir geschafft! Gefühl ist das Wichtigste, das ist wichtiger, als dass es mit einer wahnsinnigen Stimme eingesungen ist. Also haben die Sänger alles richtig gemacht.

Gab es die Überlegung, einen professionellen Sänger den Song singen zu lassen?

ANNETTE HUMPE: Das stand gar nicht zur Debatte. „Taschen voll Gold“ ist das Lied von dieser Band „Oder so!“. Aber wenn in Zukunft jemand dieses Lied singen möchte, werden wir uns freuen.

Wie viel ist bei einem Hit vom Handwerk und vom Zeitgeist abhängig?

ANNETTE HUMPE: Beim Zeitgeist bin ich vorsichtig, weil immer wieder etwas, was dem Zeitgeist widerspricht, ein Hit werden kann. Handwerk ist auch wichtig, aber das Handwerk nützt dir nichts, wenn du keine gute Headline hast. Es  muss dich schon die Muse küssen. Und die flattert ja die ganze Zeit durchs Universum, und man muss offen sein, dass sie bei einem landet.

Gibt es denn Pläne für weitere Projekte?

ANNETTE HUMPE: Ich würde gerne ein Album machen, auf dem der Tod das Thema ist. Das würde ich sehr gerne machen, aber ich habe diesen Sänger nicht, der das performt. Und ich möchte keine Deadlines mehr vorgeschrieben kriegen, ich habe davon genug in meinem Leben gehabt, diesen Druck will ich nicht mehr.

Können Sie Ihre alten Songs eigentlich noch gut hören?

ANNETTE HUMPE: Ich schäme mich für nichts, ich hab mein Bestes gegeben. Einige Songs sind mir besser gelungen als andere, das ist ganz normal. Das ist bei anderen Musikern auch so. Aber ich gucke nach vorne. Irgendwas wird mir noch begegnen, wo meine Energie reingeht.

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