v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel
 
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Das Bid zeigt ein Porträt von Friedrich von Bodelschwingh.

Glaubenskraft, Beharrlichkeit und Charisma

Friedrich Christian Carl von Bodelschwingh (6. März 1831 – 2. April 1910) war nicht der Gründer der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, doch war seine Berufung zum Vorsteher der noch jungen Einrichtung (ab 1872) der entscheidende Wendepunkt in ihrer Entwicklung. Aus der Pflegeeinrichtung für 150 Menschen entstand bis 1910 ein Verbund von Einrichtungen und Zweiganstalten, der 2000 „Pfleglinge“ betreute. Dieser rasante Expansionskurs in den 38 Jahren unter Bodelschwinghs Leitung, ist nur durch seine charismatische Persönlichkeit und seinen ungeheuren Antrieb zur Hilfe für Schwache und in Not befindliche Menschen zu erklären; seine Motivation entsprang einer tiefen Frömmigkeit aus der Erweckungsbewegung. Im Ergebnis entstanden das größte Diakoniewerk im Deutschen Reich und zahlreiche Anstöße für die Entstehung und Ausbreitung der Diakonie. Bodelschwingh ist zu einem Wegbereiter einer Moderne mit menschlichem Antlitz geworden. Sein Lebenswerk hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Diakonie zu einem Eckpfeiler des modernen Sozialstaates werden konnte.

 

Bodelschwingh erlebte die wachsende soziale Not und die sozialen Spannungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Insofern stand er den Herausforderungen der Moderne höchst skeptisch gegenüber. Gleichzeitig war eben dieser beschleunigte soziale Wandel die Triebfeder seines Handelns: Behinderte Menschen hatten in der zunehmend industrialisierten Gesellschaft keinen Platz mehr, Wanderarbeiter verloren ihre Arbeitsmöglichkeiten, die Tagelöhner als Verlierer der Agrarreform brauchten Arbeit und Wohnung, mit Genossenschaftsmodellen konnten Wohnmöglichkeiten geschaffen werden, mit der „menschenfreundlichen“ Bethel-Mission entstand eine Alternative zur Deutsch-Ostafrika-Mission (der es mit religiös überhöhtem Nationalismus vor allem um den Ausbau des Kolonialreiches und nicht um das Reich Gottes ging), und schließlich diente Bodelschwingh sein Abgeordnetenmandat im preußischen Landtag 1907 der Verabschiedung des preußischen Wanderarbeitsstättengesetzes.

 

Friedrich von Bodelschwingh wuchs in der biedermeierlichen Idylle einer gutbürgerlichen Familie auf und hatte ein entschieden christliches Elternhaus. Der Vater war hoher preußischer Beamter, schließlich Minister. Bodelschwingh wurde 1831 in dem westfälischen Gutshaus Haus Marck bei Tecklenburg/Westfalen geboren, verbrachte jedoch den Großteil seiner Kindheit in Koblenz und kam als Jugendlicher mit der Familie nach Berlin, als der Vater Minister wurde. Hier erhielt Bodelschwingh Zugang zu den höchsten Kreisen und es entwickelte sich eine Nähe zum Haus Hohenzollern.

 

Nach Lehrjahren als Landwirt auf ostelbischen Gütern und ersten sozialen Erfahrungen dort, studierte er schließlich Theologie und entdeckte sein Herz für die Mission. Das motivierte ihn für seine erste Pfarrstelle in den Vororten von Paris als Seelsorger der dorthin ausgewanderten verarmten deutschen Tagelöhner und ihrer Familien. In seiner Zeit als Gemeindepastor in Dellwig/Ruhrgebiet, setzte sich Bodelschwingh gegen ein „sattes Christentum“ und gegen liberale Theologie ein; seine Frömmigkeit aus der Erweckungsbewegung trieb ihn an. „In letzter Konsequenz machte Bodelschwingh die Gottvergessenheit der Gesellschaft für die Entstehung der sozialen Frage verantwortlich“ (H.-W. Schmuhl).

 

Weil Bodelschwingh auch in der Ravensberger Erweckungsbewegung wohl bekannt war, erreichte ihn der Ruf aus Bielefeld, als Leiter der noch jungen „Anstalt für Epileptische“. Schnell sorgte er nach seinem Amtsantritt mit dem Umzug des Diakonissenmutterhauses (später Sarepta) aus der Stadt Bielefeld nach Bethel für das notwendige Personal. Mit der späteren Gründung der „Westfälischen Brüderanstalt“ (später Nazareth) sorgte er auch für männliches Personal. Und Bodelschwingh baute ein umfangreiches Netz von Unterstützung für die Einrichtung auf; dazu gehörten vor allem die Pfennigvereine, die es in weiten Teilen des Deutschen Reiches gab.

 

Bodelschwingh war schon zu Lebzeiten zur Legende geworden und nach seinem Tod entstand eine wahre Flut von verklärender Erinnerungsliteratur. Dies ähnelt der Kreation einer „Heiligengestalt von unerschütterlicher Glaubenskraft, überquellender Liebe und nie versiegender Barmherzigkeit, gütig und milde, von heiterer Gelassenheit, freundlich, humorvoll, verständnisvoll und nachsichtig“ (H.-W. Schmuhl). Zu den Ecken und Kanten seines Charakters, die ebenso belegt sind, gehörten aber auch „die geistige Enge seines Glaubens, ein Sendungsbewusstsein, dass es ihm schwer machte, andere Meinungen gelten zu lassen, sein mild patriarchalischer, dennoch autoritärer Führungsstil, die Rücksichtslosigkeit, mit der er Menschen, die seinem Charisma erlagen, für seine Zwecke einspannte“ (H.-W. Schmuhl).

 

Triebfeder Friedrich von Bodelschwinghs war allemal: Er hat sich immer wieder von der Begegnung mit menschlichem Elend existenziell berühren lassen – er konnte dann nicht anders, als sich mit Entschlossenheit und Leidenschaft zu engagieren. Dazu passt die Inschrift auf seinem Grabstein auf dem Alten Zionsfriedhof in Bethel: „Weil uns Barmherzigkeit widerfahren ist, darum werden wir nicht müde“ (2.Kor. 4,2).

 

 

Hans-Walter Schmuhl: Friedrich von Bodelschwingh. rororo Monographie. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Hamburg 2005. ISBN 3 499 50687 4. € 8,50. 156 Seiten.

 

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