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Das Bid zeigt ein Porträt von Friedrich von Bodelschwingh.

Stationen eines bedeutenden Lebens

Unzählige Straßen, Kirchengemeinden und Schulen in Deutschland sind nach ihm benannt. Bekannter als die Person Friedrich von Bodelschwingh ist jedoch sein Lebenswerk: „Bethel“. Die Diakonie-Einrichtung wurde im Jahr 1867 gegründet. Fünf Jahre später übernahm Bodelschwingh ihre Leitung. Und er forcierte ihre Entwicklung mit großem Tatendrang. Sein Leben hätte eigentlich ganz anders verlaufen sollen. Seine Familie gehörte zum westfälischen Uradel. Der Vater und ein Onkel bekleideten hohe preußische Ministerämter. Es wäre standesgemäß gewesen, wenn Friedrich von Bodelschwingh ebenfalls eine Beamten- oder militärische Laufbahn angestrebt hätte. Doch er wurde Pastor. Und zwar einer, der sich mit ganzer Kraft für die Kranken und Benachteiligten einsetzte.

 

Friedrich Christian Carl von Bodelschwingh kam am 6. März 1831 in Haus Marck, einem idyllisch gelegenen Gutshaus, im westfälischen Tecklenburg zur Welt. Er war das sechste Kind von Charlotte und Ernst von Bodelschwingh. Obwohl er bereits früh mit seinen Eltern umziehen musste und Westfalen verließ, blieb er seiner westfälischen Heimat verbunden. Dass er in Westfalen sein Lebenswerk, das bis heute seinen Namen trägt, vollenden würde, konnte zu der Zeit niemand ahnen.

 

Friedrichs Vater, Ernst von Bodelschwingh, wurde 1842 vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV nach Berlin berufen. Er war Finanzminister und einige Jahre später Minister des Inneren. Das war die höchste Stellung, die ein Beamter zur damaligen Zeit einnehmen konnte. Friedrich besuchte das Gymnasium in Berlin. Er war ein Spielgefährte des Kronprinzen und späteren „99-Tage-Kaisers“ Friedrich III. In seiner Freizeit betätigte er sich sportlich. Er erlernte Rudern, Reiten und Fechten, wie es sich für einen Sohn aus adligem Hause gehörte.

 

Friedrich von Bodelschwingh wuchs auf der Sonnenseite des Lebens auf. Doch auch die Schatten blieben dem adeligen Spross nicht verborgen. Sein Hauslehrer, der sich für wohltätige Zwecke engagierte, nahm ihn mit in die Armenviertel der preußischen Hauptstadt Berlin. Friedrich notierte seinen Eindruck „von Hunger, Blöße und Elend der Armen, ganz besonders aber auch von dem unbillig großen Abstand zwischen arm und reich.“ Während er Armut, Hunger und Krankheit in der rasant wachsenden Hauptstadt von außen betrachten konnte, mussten immer mehr Menschen in Berlin unter diesen miserablen Bedingungen leben. 1848 gingen in Berlin die Menschen aus Zorn über die gesellschaftlichen Missstände auf die Straße, es wurde geschossen, es gab Tote. Friedrichs Vater wurde als Minister gestürzt und die Familie kehrte zurück nach Westfalen. Die Erfahrungen erschütterten den damals 17-Jährigen zutiefst. Bei allem Verständnis für die soziale Lage der arbeitenden Bevölkerung verabscheute er die gewaltsamen Proteste des „Pöbels“. Für ihn stellte die Monarchie mit ihren Adelsgeschlechtern eine gottgegebene Ordnung dar. Friedrich von Bodelschwingh war ein Konservativer und blieb dem Herrscherhaus der Hohenzollern Zeit seines Lebens verbunden.

 

Friedrich bestand sein Abitur 1849 in Dortmund und machte anschließend eine Ausbildung zum Landwirt. So lernte er das Elend der Landarbeiter kennen und versuchte Hilfen zu organisieren indem er sich um die Ernährung kümmerte und die Arbeitsbedingungen verbesserte. Darüber hinaus nahm er den Kampf gegen den Alkoholkonsum auf und verteilte christliche Traktate an die Landarbeiter. Der junge Adelige war geprägt von seinem tief gläubigen Elternhaus. Während er als Landwirt auf Gut Gramenz in Hinterpommern arbeitete, vermied er es, an den üblichen Wochenendvergnügungen teilzunehmen. Stattdessen suchte er Kontakt zu christlichen Gruppen. Dort bekam er ein Büchlein des Baseler Missionshauses in die Hände. „Tschin der arme Chinesenknabe“, so der Titel. Die Geschichte war für den 24-Jährigen ein Schlüsselerlebnis. Bodelschwingh fühlte sich zum Missionar berufen und begann daher  Theologie zu studieren. Im April 1858 legte er sein erstes theologisches Examen ab.

 

Doch sein Weg führte ihn nicht in die Mission nach Afrika oder China. Seine bereits damals angeschlagene Gesundheit ließ diesen Lebensweg nicht zu. Stattdessen nahm er ein Angebot als Pfarrer in Paris an. Seine Gemeindemitglieder dort waren deutsche Fremdarbeiter, die ihr Leben als Gassenkehrer bestritten. Bodelschwingh gelang es, in Deutschland für Spenden zu werben und auf dem Montmartre eine kleine Kirche und Schule zu errichten. Während dieser Zeit heiratete er seine Cousine Ida von Bodelschwingh mit der er in einer engen Holzhütte in Paris lebte.

 

Nach Deutschland zurückgekehrt übernahm Bodelschwingh 1864 eine Pfarrstelle in Dellwig an der Ruhr. Dort machte er sich durch seine energische Art nicht nur Freunde. Er wetterte gegen Schützenfeste, Tanzveranstaltungen und  den ungehemmten „Branntweingenuss“. In Dellwig erfuhren er und seine Frau Ida aber auch einen furchtbaren Schicksalsschlag, der Bodelschwingh drei Jahre später wohl zu einem Neuanfang als Leiter der jungen Einrichtung für Menschen mit Epilepsie bei Bielefeld bewegen sollte.

 

In Dellwig starben im Januar 1869 alle vier Bodelschwingh-Kinder innerhalb von 14 Tagen an Diphtherie. „Gestern Abend um 11 Uhr hat unser lieber kleiner Friedrich auf dem Schoße seiner Mutter sein Köpfchen sehr sanft in den Schlaf geneigt“, schrieb Friedrich von Bodelschwingh an seine Mutter nach dem Tod des ersten Kindes. Für Ida und Friedrich wurde Dellwig nun ein Ort schmerzlicher Erinnerungen. Deshalb wagte der Pastor 1872 einen beruflichen Neuanfang in Bielefeld. Noch 1869 bekam das Ehepaar den Sohn Wilhelm und in den ersten Jahren in Bethel drei weitere Kinder.

 

Für ein Jahresgehalt von 1000 Talern übernahm Friedrich von Bodelschwingh in Bielefeld die „Anstalt für Epileptische“. Die Entwicklung der Einrichtung trieb er mit enormer Kraft voran. Jedes Jahr wurden neue Häuser gebaut, immer mehr kranke und hilfebedürftige Menschen konnten aufgenommen werden. Bodelschwingh entschied, dass der Ort Bethel heißen sollte. Das hebräische Wort bedeutet Haus Gottes. Bethel heißt der alttestamentarische Ort, an dem Jakob von der Himmelsleiter träumte „Wie heilig ist diese Stätte. Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“ (1. Mose 28, 17)

 

Das von Bodelschwingh beförderte schnelle Wachstum der Einrichtung Bethel kostete viel Geld. Aber der neue Vorsteher der Anstalt erwies sich als talentierter Spendensammler. Er bat einflussreiche Menschen um Hilfe. Und er gründete „Pfennigvereine“, in denen viele Menschen die Arbeit Bethels unterstützten. Theodor Heuss, der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, bezeichnete  Bodelschwingh später deshalb als den genialsten Bettler, den Deutschland je gesehen habe.

 

Wo Bodelschwingh Not sah, wollte er helfen. Und zwar schnell und unbürokratisch. So beschäftigten ihn auch die Armut und Massenarbeitslosigkeit. Er nutzte seinen Einfluss und gründete Arbeiterkolonien, Wilhelmsdorf bei Bielefeld, Freistatt bei Diepholz und Lobetal bei Berlin. Sein Motto lautete: „Arbeit statt Almosen“. 1903 ging er sogar in die Politik und engagierte sich noch mehrere Jahre als Abgeordneter im preußischen Landtag für die Lage der Wanderarbeiter.

 

Doch sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends. Bereits ein Jahr vor seinem Tod hatte ein Schlaganfall Friedrich von Bodelschwingh teilweise das Sprachvermögen genommen und dazu geführt, dass er überwiegend im Rollstuhl saß. Am 2. April 1910 starb er an den Folgen eines weiteren Schlaganfalls in Bethel im Kreise seiner Kinder. Bethels zweiter Leiter und prägender Gestalter über vier Jahrzehnte wurde 79 Jahre alt. Seine letzten zehn Lebensjahre waren immer wieder von Krankheiten bestimmt. Dennoch ließ sich Vater Bodelschwingh möglichst wenig davon in seinem Ideenreichtum und seinem Gestaltungswillen beeindrucken.

 

Neben dem weiteren Ausbau Bethels und der neu gegründeten Arbeiterkolonien setzte er sich auch für ein neues Missionsgebiet in Ruanda ein. „Das Geheimnis Bodelschwinghs war, dass er nicht wegschauen konnte. Buchstäblich bis in seine letzten Lebenstage hinein hat er sich von der Begegnung mit menschlichem Elend existenziell berühren lassen“, schreibt der Historiker Hans-Walter Schmuhl in seiner 2005 erschienenen Bodelschwingh-Biografie.

 

Die Leitung seines Lebenswerkes Bethel hatte Bodelschwingh kurz vor seinem Tod seinem jüngsten Sohn, Pastor „Fritz“ übertragen. Wie der Vater so stellte auch der Sohn sein Leben ganz in den Dienst von behinderten, kranken und benachteiligten Menschen. - In den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel wird Friedrich von Bodelschwingh anlässlich seines 100. Todestags im Jahr 2010 in besonderer Weise gedacht.

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