v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel
 
Spenden
Suchen

Entzündliche Epilepsien gaukeln eine Demenz vor

Antikörper attackieren das Gehirn

Es war für ihn eine Zeit, in der er mutlos und verzweifelt war, erinnert sich Jochen M.. Zum Glück erinnert er sich. Denn vor eineinhalb Jahren verlor der pensionierte Lehrer dramatisch schnell sein Gedächtnis. Alzheimer-Demenz stand als Diagnose im Raum. Doch jetzt sitzt Jochen M. hellwach und nahezu gesund im Büro seines behandelnden Arztes in der Klinik Mara im Epilepsie-Zentrum Bethel und bespricht seine Befunde.

„Wir schauen jetzt von vorne in Ihr Gehirn hinein, sehen uns den Schläfenlappen an, und hier ist die Stelle, die für Ihre Gedächtnisprobleme verantwortlich ist.“ Chefarzt Dr. Christian Bien tippt mit dem Finger auf den großen Monitor in seinem Arbeitszimmer. Jochen M. hat sich leicht vorgebeugt und betrachtet interessiert die Schichtaufnahmen seines Gehirns. In dem Areal, das Hippocampus genannt wird, ist ein heller Fleck zu erkennen. Eine entzündliche Epilepsie, wie sich vor einigen Wochen herausstellte, keine Alzheimer-Demenz. Die Entzündung wurde behandelt. Jetzt geht es dem 70-Jährigen wieder gut.

Glück im Unglück hatte Jochen M.. Seine Krankheit wurde erkannt, weil der Chefarzt der Klinik Mara im Epilepsie-Zentrum, Privatdozent Dr. Christian Bien, an der Spitze der Forschung über entzündliche Epilepsien in Deutschland steht. „Weltweit wird es Menschen geben, die alle Anzeichen einer Demenz haben, in Wirklichkeit aber an einer entzündlichen Epilepsie leiden. Und die kann man heilen“, betont Dr. Bien.

Im März vergangenen Jahres bemerkte Jochen M. die ersten Symptome. Er war auf einem Spaziergang, als ihm plötzlich so eigenartig wurde, wie er es bezeichnet. „Dann setzte die Übelkeit ein. So eine schlimme Übelkeit kannte ich bisher nicht. Sie entstand nicht im Magen, sondern darüber“, schildert der Pensionär die Symptome. Die heftige Übelkeit trat immer häufiger auf, bis zu 17 Mal am Tag. Und auch sein Gedächtnis wurde immer schlechter. Dazu kamen Orientierungslosigkeit und Bewusstseinstrübung. Der Neurologe, der ihn untersuchte, konnte einen Schlaganfall und einen Gehirntumor ausschließen. Einen weiteren Befund ergaben die Untersuchungen nicht. Eine psychiatrische Erkrankung schien wahrscheinlich.

Mit der Verdachtsdiagnose einer Depression wurde der Patient in die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bethel geschickt. „Natürlich war er depressiv. Wer wäre das nicht bei dem dramatischen Krankheitsverlauf“, sagt Dr. Rainer-Uwe Burdinski, stellvertretender Leiter der Klinik. Doch die Depression war nur eine Begleiterkrankung und nicht die Ursache für die Symptome. Der Psychiater vermutete vielmehr eine hirnorganische Erkrankung. Weil er eine Demenz nicht auszuschließen konnte, bat er seine Kollegin Dr. Christine Thomas sich den Patienten genauer anzusehen. Dr. Thomas ist Leiterin der Abteilung für Gerontopsychiatrie in Bethel und eine Expertin auf dem Gebiet demenzieller Erkrankungen.

„Ich erinnere mich genau an das Telefonat, dass ich mit Frau Dr. Thomas geführt habe, nachdem sie den Patienten untersucht hatte“, berichtet Dr. Christian Bien. Das sei keine Alzheimer Demenz, habe sie gesagt. Der Verlauf sei viel zu schnell. Bei einer Demenz geht der Prozess über Jahre. Bei Jochen M. waren es Wochen. „Vor allem die Übelkeitsattacken, die er beschrieb, machten sie hellhörig. Sie vermutete, dass das epileptische Anfälle seien könnten und lag damit vollkommen richtig“, so Dr. Christian Bien. Im Juni dieses Jahres wurde Jochen M. sein Patient.

Unter dem Fluroeszenzmikroskop leuchten positive Befunde rot.
Im Antikörperlabor im Epilepsie-Zentrum Bethel untersucht Privatdozent Dr. Christian Bien mit einer Assistentin Serumproben.

 

Im Magnetresonanztomografen (MRT) des Epilepsie-Zentrums in Bethel wurden Schichtaufnahmen vom Gehirn des Patienten angefertigt. Die Entzündung im Hippocampus war deutlich zu erkennen. „Der Hippocampus ist für das Gedächtnis zuständig. Deshalb litt Jochen M. an Gedächtnisverlust“, sagt Dr. Bien. Der Entzündungsherd grenzte an den Bereich, der das Gefühl der Übelkeit hervorruft. Darum wurde ihm immer schlecht.

 Die Diagnose „limbische Enzephalitis“ wurde durch den Nachweis von Antikörpern im Blut bestätigt. Es handelte sich um den Antikörper CASPR2. „ Das Wissen um die Antikörper und die Behandlung sind neu. Veröffentlichungen darüber gibt es erst seit rund einem Jahr“, so Dr. Bien, der schon länger an der Forschung beteiligt ist. In der Klinik Mara in Bethel hat er für die Diagnostik ein eigenes Antikörperlabor eingerichtet. Kliniken aus ganz Deutschland schicken die Blutproben ihrer Patienten dahin. Die Ergebnisse werden mit dem Labor, das die Antikörpertests herstellt, und mit Wissenschaftlern im englischen Oxford, die den Antikörper entdeckt haben, ausgetauscht.

Jochen M. bekam Kortison gegen die Entzündung im Hippocampus und eine Blutwäsche im Dialyse-Zentrum Bethel, um die CASPR-2-Antikörper zu entfernen. „Auf dem Monitor sehen wir jetzt die Grafik, in der die Anzahl der täglichen Anfälle notiert ist“, erklärt Dr. Bien seinem Patienten. Am Tag der stationären Aufnahme hatte er mehr als 15 Anfälle. Seit Juli ist er anfallsfrei.

„An die Urlaube, die ich zusammen mit meiner Frau unternommen habe, kann ich mich aber immer noch nicht erinnern, auch nicht wenn ich mir die Fotos ansehe“, äußert Jochen M. sorgenvoll. Doch Dr. Bien ist zuversichtlich. Er hat die Schichtaufnahme seines Gehirns auf Zeichen eines Gewebsuntergangs untersucht. „Wenn die Struktur im Gehirn zerstört ist, schrumpft sie. Das ist hier nicht der Fall“, macht der Experte für Epileptologie Hoffnung auf eine vollständige Genesung.

Dr. Christian Bien und Jochen M. werden in Zukunft weiterhin miteinander zu tun haben. Denn der 70-Jährige ist wichtig für die Forschung. Bei ihm ist ein Phänomen aufgetreten, das bisher noch nicht beschrieben wurde. „Wir dachten bisher, die Entzündung im Gehirn wird allein von den Antikörpern ausgelöst“, so Dr. Bien. Bei Jochen M. jedoch steigen die Antikörper im Blut wieder an, obwohl er gar keine neue Entzündung hat. „Das könnte bedeuten, dass die CASPR2-Antikörper nicht allein verantwortlich sind für die limbische Enzephalitis.“ Die Blutwerte von Jochen M. werden bereits in der Wissenschaft diskutiert. „Sie leisten gerade nachfolgenden Patienten einen unschätzbaren Dienst“, wendet sich Dr. Bien an Jochen M.. Und der hat nichts dagegen, wenn seine Krankheit anderen Menschen hilft.

 

© 2018 v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel