v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel
 
Spenden
Suchen

Epilepsie-Rehaklinik in Bielefeld-Bethel

Schritt für Schritt zurück ins Berufsleben 

Was ist das, was passiert da mit ihm? Immer öfter verkrampfen sich die Muskeln, und er kann sich nicht mehr bewegen. Nach wenigen Sekunden ist der ganze Spuk wieder vorbei. Joachim W.* kriegt es mit der Angst zu tun. Er ist Auslieferungsfahrer einer Firma. Ein paar Mal hat es ihn schon am Steuer erwischt. Um abzuklären, was mit ihm los ist, sucht er einen Arzt auf. Als der nicht weiter weiß, beginnt für Joachim W. eine jahrelange Odyssee durch die unterschiedlichsten Praxen. 

Während die Ärzte nach einer Ursache suchen, ist Joachim W. weiterhin auf den Straßen unterwegs. „Wenn ich damals ein Kind tot gefahren hätte, hätte ich mir das nie verziehen", sagt er rückblickend. Seine Freundin äußerte damals als Erste den Verdacht, es könne sich vielleicht um eine Epilepsie handeln. Doch Untersuchungen bestätigten die Vermutung nicht. Dann kam die Wende. Joachim W. fuhr nach einer Auslieferungstour zurück auf das Firmengelände, als er wieder einen Anfall bekam und nur noch hilflos zugucken konnte, wie er auf einen Baum zuraste. Es entstand Totalschaden, aber zum Glück wurde niemand verletzt. Daraufhin stellte er das Autofahren ein und wurde ins Epilepsie-Zentrum Bethel überwiesen.

 

Epilepsie-Zentrum Bethel
Epilepsie-Zentrum Bethel

Die Fachärzte in Bethel fanden schnell heraus, dass er tatsächlich an einer Epilepsie leidet. Die Medikamente, die ihm verschrieben wurden, halfen sofort. Doch ganz anfallsfrei wurde er nicht. Für den Auslieferungsfahrer bedeutete das, auch weiterhin nicht Auto fahren zu dürfen. Um ihm trotzdem eine berufliche Zukunft zu ermöglichen, wurde er in der Rehabilitationsabteilung für Anfallskranke im Epilepsie-Zentrum Bethel aufgenommen. Die Abteilung wurde vor knapp 15 Jahren eröffnet – als erste ihrer Art in Deutschland. 

Die Klinik hat sich darauf spezialisiert, neben der körperlichen Gesundheit auch die psychosoziale Situation der Menschen mit Epilepsie zu verbessern. „Primär geht es darum, eine drohende Erwerbsunfähigkeit abzuwenden. Deshalb wird die berufliche Belastbarkeit optimiert", sagt Dr. Ulrich Specht, ärztlicher Leiter der Rehabilitationsabteilung. 

Wissenschaftlich konnte belegt werden, dass nach einer erfolgreichen medizinischen Behandlung deutlich mehr Patienten in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden können, wenn sie anschließend eine Reha-Maßnahme durchlaufen haben. „Menschen, die über Jahrzehnte Anfälle hatten, kennen kein normales Leben. Ihr Hauptproblem ist die Angst – Angst davor, jederzeit und überall einen Anfall zu bekommen. In der Reha bekommen sie fachliche Unterstützung, um aus der Rolle des Kranken herauszukommen", erläutert Dr. Ulrich Specht. Für die vielfältigen Probleme der Betroffenen stehe daher ein multiprofessionelles Team zur Verfügung, angefangen von Fachärzten und Neuropsychologen bis hin zu Sozialarbeitern und Physiotherapeuten. 

Eine weitere Betheler Epilepsie-Reha-Spezialität sind die mehrwöchigen Betriebspraktika, in denen die Rehabilitanden ihre Fähigkeiten auf realen Arbeitsplätzen erproben können. Dazu kooperiert die Klinik mit zahlreichen Betrieben in Bethel und Bielefeld sowie mit dem Berufsbildungswerk Bethel und den Betheler Werkstätten. 

Eines der brennendsten Probleme für die Patienten seien Führerschein und Mobilität, so Dr. Specht. „Sie empfinden das Fahrverbot als gravierende Einschränkung", sagt der Epilepsie-Experte. Besonders hart trifft es LKW-Fahrer oder Busfahrer. „Ein Busfahrer muss fünf Jahre anfallsfrei sein und zwar ohne Medikamente, bevor er wieder Menschen transportieren darf. In den meisten Fällen ist daher eine Umschulung ratsam." 

Auch Joachim W. hat immer noch leichte Anfälle. Er darf daher noch nicht wieder Auto fahren. Trotzdem ist der junge Mann guter Dinge. Als er in der Reha war, hat Bethel das Integrationsamt eingeschaltet und dafür gesorgt, dass er nicht arbeitslos wurde. Er konnte in derselben Firma im Lager anfangen.

 

© 2018 v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel