Dienstag, 07. Dezember 2010

Dr. Alois Ebner, Prof. Dr. Theodor May und Dr. Alaa Eldin Elsharkawy (v. l.) betonen die Bedeutung einer langfristigen und umfassenden Behandlung.

Die Lebensqualität nach epilepsiechirurgischen Eingriffen - wie hier im Epilepsie-Zentrum Bethel – stand im Mittelpunkt der ausgezeichneten Studie.
Für ihre europaweit einmalige Studie zur Lebensqualität von Menschen, die epilepsiechirurgisch operiert wurden, haben jetzt vier Wissenschaftler des Epilepsie-Zentrums Bethel den „Lilly Quality of Life Preis“ in Bad Homburg erhalten. Die renommierte Auszeichnung wird jedes Jahr von einer unabhängigen fünfköpfigen Jury verliehen.
Unter der Leitung von Dr. Alois Ebner, Chefarzt des Epilepsie-Zentrums Bethel, haben Prof. Dr. Theodor May von der Gesellschaft für Epilepsieforschung, Medizinsoziologe Rupprecht Thorbecke und Dr. Alaa Eldin Elsharkawy von der Prächirurgischen Abteilung die Lebensqualität von erwachsenen Patienten untersucht. Dafür analysierte Dr. Elsharkawy, der das Projekt initiiert hatte, 87 Krankenakten. Er ist ägyptischer Gastarzt und wird aus Mitteln der Bökenkamp-Stiftung und der Gesellschaft für Epilepsieforschung unterstützt.
Die Patienten aus der Studie hatten sich zwischen 1992 und 2003 am Epilepsie-Zentrum Bethel einer „extratemporalen“ Operation unterzogen – das heißt, sie wurden am Gehirn in einem Bereich außerhalb des Schläfenlappens operiert. 45 dieser Patienten waren seit mindestens einem Jahr anfallsfrei.
Bisher gibt es kaum Untersuchungen zur Lebensqualität dieser speziellen Patientengruppe. Epilepsiechirurgische Operationen außerhalb des Schläfenlappens sind im Vergleich zu „temporalen Resektionen“ eher selten und kompliziert. Nur wenige Epilepsie-Zentren sind daher in der Lage, diese Patienten zu operieren und solche Studien mit den eigenen Patientenzahlen durchzuführen. „Wir behalten unsere Patienten im Rahmen der Nachsorge und weiterer Therapien noch lange nach der Operation im Auge. Die Behandlungsverläufe werden bei uns über viele Jahr gut dokumentiert“, so Dr. Alois Ebner.
Für die Studie wurden Patienten ausgewählt und befragt, bei denen die Operation mindestens fünf Jahre zurücklag. Ziel der Untersuchung war es, Faktoren zu ermitteln, die für die Lebensqualität der Betroffenen maßgeblich sind. „Vor allem die Dauer der Anfallsfreiheit beeinflusst über längere Sicht die Lebensqualität der Patienten“, berichtet Theodor May von den Ergebnissen der Studie. Großen Einfluss auf die empfundene Lebensqualität hätten zudem das Auftreten und die Schwere von Nebenwirkungen der antiepileptischen Medikamente, die ein großer Teil der Patienten weiterhin nimmt, sowie Begleiterkrankungen. „Wichtig war den Befragten auch, dass sie wieder Auto fahren können“, sagt Theodor May. Die Fahrerlaubnis für die Führerscheinklassen der Gruppe Eins gilt in der Regel erst nach einjähriger Anfallsfreiheit.
Bei Anfallsfreiheit steigt die Lebensqualität der Betroffenen in den ersten beiden Jahren deutlich an und bleibt dann relativ stabil. „Bei einzelnen Aspekten, zum Beispiel bei den kognitiven Funktionen, deutet sich allerdings im weiteren Verlauf ein gewisser Rückgang an“, stellt Theodor May fest. Einige Patienten hätten angegeben, unter Gedächtnis- und Konzentrationsproblemen zu leiden. „Langzeitstudien mit neuropsychologischen Untersuchungen wären sinnvoll, um diesen Effekt genauer zu überprüfen.“
Die Auszeichnung des Pharmaunternehmens Lilly Deutschland ist mit 10.000 Euro dotiert; das Preisgeld geht je zur Hälfte an die Mitarbeiter des Epilepsie-Zentrums Bethel und der Gesellschaft für Epilepsieforschung sowie an einen zweiten Preisträger.