Mittwoch, 27. Juli 2011

Bei der offiziellen Präsentation des neuen Navigationssystems dankten Bethels Vorstandsvorsitzender Pastor Ulrich Pohl (l.) und Prof. Dr. Terttu Pietilä (r.) den Eheleuten Dr. Peter Zinkann und Dr. Karin Zinkann für die Förderung.

Mit Hilfe des neuen Systems können Christian Heine und Yasin Hansah (v. l.) millimetergenau das Gehirn von Christine Jetter untersuchen. Fotos: Reinhard Elbracht
Bielefeld-Bethel. Unter den „Augen" einer Infrarotkamera liegt Christine Jetter ruhig und entspannt in einem Behandlungsstuhl. Hin und wieder öffnet die 59-jährige Bielefelderin die Augen hinter der Spezialbrille und betrachtet interessiert ein dreidimensionales Bild ihres Gehirns auf einem großen Monitor. Christian Heine, Assistenzarzt der Neurochirurgischen Klinik des Ev. Krankenhauses Bielefeld (EvKB), zeigt der Patientin eine daumengroße deutlich erkennbare Struktur – ein Hirntumor.
Christian Heine fährt Christine Jetter langsam mit einer Magnet-Stimulationsspirale über den Kopf, die mit einem hochmodernen Neuronavigationssystem verbunden ist. Mit der Spirale werden nach einem festgelegten Schema auf der abgebildeten Hirnoberfläche Impulse gesetzt. Auf einem anderen Monitor können die Ärzte die Reaktionen der Muskeln überprüfen. Mit dem neuen Hightech-System, das erst seit einigen Tagen im Einsatz ist, können Betheler Neurochirurgen vor operativen Eingriffen mit millimetergenauer Präzision Bereiche mit wichtigen Hirnfunktionen lokalisieren. Die Abbildungen dieser Areale werden später während der Operation von einem Navigationsgerät angezeigt. In dreidimensionaler Darstellung können die Neurochirurgen die Position der verwendeten Instrumente und die Lokalisation der Hirnfunktionen sehen.
Als „bahnbrechend" bezeichnet Neurochirurgie-Chefärztin Prof. Dr. Terttu Pietilä das System, das von der „Erich und Katharina Zinkann-Stiftung" gefördert wurde. Vor Operationen sei es wichtig, die Hirnfunktionen genau zu lokalisieren, um sie zu schonen. „Mit dem neuen System können wir insbesondere Areale, die für die Motorik zuständig sind, eingrenzen und entsprechend exakt und radikal Tumore entfernen. Die Methode ist zuverlässig, präzise und schmerzlos", so Professor Pietilä. Für die Planung und Durchführung von Operationen sei die Anschaffung ein enormer Fortschritt.
Bislang wurde die „funktionelle Hirnprüfung" am geöffneten Schädel während der Operation durchgeführt – in bestimmten Situationen bei einem wachen Patienten. Die herkömmliche Methode war zeit- und personalaufwändig. Die neue Methode – die so genannte „navigierte transkranielle Magnetstimulation“ – ist besonders für Kinder und Menschen mit Behinderung geeignet, die mit dem bisherigen Verfahren überfordert waren.
Das neue Navigationssystem ist bereits ständig im Einsatz. „Wir wollen die neue Entwicklung möglichst vielen Patienten zugänglich machen, auch überregional“, sagt der leitende Oberarzt der Neurochirurgischen Klinik, Dr. Hans-Joachim Hoff, der die Anwendung der Methode betreut. Die Klinik ist Referenzentrum für die Verwendung des Systems in Deutschland.
Das Navigationssystem kostete rund 150.000 Euro und wurde von der „Erich und Katharina Zinkann-Stiftung" in Bielefeld finanziert. Außer dem EvKB verfügen nur die Universitätskliniken in Köln, Frankfurt und Hamburg über ein Navigationssystem zur Hirnfunktionserkennung – sowie die Charité in Berlin, mit der das EvKB die Methode weiterentwickelt.
Im EvKB werden jährlich rund 2600 neurochirurgische und epilepsiechirurgische Eingriffe durchgeführt. Christine Jetter ist eine der ersten Patienten, die von der diagnostischen Methode profitiert. Ihre Hand zuckt, als Christian Heine über Magnetströme mit der Stimulationsspirale bestimmte Nervenzellen im Motorikbereich reizt. Unangenehm oder schmerzhaft ist das Verfahren aber nicht für die Büroangestellte. Nach etwa eineinhalb Stunden ist die Untersuchung beendet und Christine Jetter ist beeindruckt: „Das war sehr spannend und unheimlich behutsam. Ich bin dankbar, dass es so etwas in Bielefeld gibt." Die Untersuchung hat ergeben, dass das Bewegungsareal für das Bein unterhalb des Tumors liegt. Mit den Ergebnissen können die Chirurgen die Operation optimal durchführen.