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Die Wächter der Seidenhühner

Liebevoll und fürsorglich behütet Christian Rebitzer die Seidenhühner im Vorgarten von dem Haus Ophra I.

Jeden Morgen, noch vor seinem Frühstück, wirft Christian Rebitzer einen aufgeregten und prüfenden Blick durch sein Fenster hinab in den Vorgarten. Dort, auf einer grünen Wiese vor dem Haus Ophra I, einer Betheler Behindertenhilfe-Einrichtung in Bielefeld-Eckardtsheim, steht seit einem Jahr ein kleines rotes Holzhäuschen, in dem vier Hühner und ein Hahn leben. Der 29-jährige geistig behinderte Bewohner hat es sich zur Aufgabe gemacht, gut auf die gefiederten Nachbarn aufzupassen.

Seit Juni 2011 besiedeln die asiatischen Seidenhühner den Garten des Wohnheims für Menschen mit schweren Behinderungen. Teamleiterin Annette Fuhrmann hat die Hühner auf einem Bauernhof in Bielefeld-Milse angeschafft, um den Bewohnerinnen und Bewohnern eine Freude zu machen.  Seidenhühner werden häufig für therapeutische Zwecke genutzt, da sie sehr zutraulich sind und sich streicheln lassen. „Unsere Bewohner hatten sich schon lange Tiere gewünscht, um die sie sich kümmern können. Und Christian Rebitzer hat sich von Anfang an ganz besonders für die Hühner verantwortlich gefühlt “, sagt Annette Fuhrmann. 

Nachmittags nach der Arbeit sammelt Christian Rebitzer die Eier ein.

Die Seidenhühner haben eine ausgleichende Wirkung auf die rund 60 Bewohnerinnen und Bewohner der Häuser Ophra I und II. Besonders Christian Rebitzer, der wegen seiner geistigen Behinderung oft Schwierigkeiten mit seinem sozialen Verhalten gegenüber anderen Bewohnern und Mitarbeitenden hat, beruhigt der Umgang mit den Tieren. Abends pünktlich um 21 Uhr kontrolliert er, ob alle Hühner im Häuschen sind, wenn die Zeitschaltuhr die Luke verschlossen hat. Ansonsten fängt er die Hühner ein und bringt sie in den Stall. Außerdem füllt er das Trinkwasser auf und sammelt nachmittags nach der Arbeit die Eier ein, die seine Mitbewohner zum Frühstück genießen. Hin und wieder lässt er ein oder zwei Eier liegen, in der Hoffnung, dass die Hühner anfangen zu brüten. „Ich will kleine Küken!“, sagt Christian Rebitzer lächelnd.  

Das Hühnerhaus, das ein Bethel-Mitarbeiter gebaut hat, steht auf Rädern und sollte eigentlich regelmäßig seinen Standort um das Haus herum wechseln. „Das haben wir aber schnell verworfen. Herr Rebitzer ist stark verunsichert, wenn er das Häuschen nicht von seinem Zimmer aus beobachten kann“, so Annette Fuhrmann. 

Allmorgendlich weckt Gockel „Michael“ mit seinem Hahnenschrei die Bewohner mehr oder weniger pünktlich. Christian Rebitzer beginnt dann umgehend von seinem Fenster aus mit der Zählung. Das ist besonders spannend für den autistischen Mann. Denn eines der Hühner wurde vor einigen Wochen aus dem umzäunten Gehege gestohlen – ausgerechnet jenes, das auf den Namen „Annette“ hört. „Da war was los!“, berichtet Annette Fuhrmann schmunzelnd. Christian Rebitzer habe sehr irritiert und verärgert reagiert. Umgehend beauftragte er daraufhin einen anderen Bewohner damit, die Hühner zu bewachen, während er in der Werkstatt am Bullerbach bei der Arbeit ist. Der andere Bewohner nimmt seinen Job seitdem sehr ernst. Regelmäßig geht er vor dem Hühnerhäuschen „Streife“ – natürlich in Polizeiuniform.

Fotos: Reinhard Elbracht

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