
Die Idee des Persönlichen Budgets in einer stationären Einrichtung für Menschen mit Behinderung
Drei Jahre lang stand das Wohnheim am Stadtring in Bielefeld-Brackwede im Mittelpunkt wissenschaftlichen Interesses. Die stationäre Einrichtung für Menschen mit Behinderung war die einzige in Deutschland, die sich am Modellversuch PerLe beteiligte. Mit PerLe, das heißt Persönliches Budget und Lebensqualität, wurde das Persönliche Budget erstmals in einem Wohnheim erprobt. Die Technische Universität Dortmund hat das Projekt, das 2006 endete, begleitet und die Ergebnisse ausgewertet. Jetzt liegt der Abschlussbericht vor.
Zwei wichtige Fragen konnten mit dem Modellversuch PerLe beantwortet werden: zum einen, ob das Persönliche Budget geeignet ist für stationär betreute Menschen, die in der Regel schwerer und komplexer behindert sind als ambulant betreute Klienten; zum anderen, ob es überhaupt möglich ist, Leistungen aus der „All-inclusive-Versorgung“ einer stationären Einrichtung für das Persönliches Budget herauszulösen. Ja, lautet die Antwort auf beide Fragen. Von 2003 bis 2006 haben sich 18 von 24 Bewohnerinnen und Bewohnern im Wohnheim am Stadtring erfolgreich an dem Projekt beteiligt. In dieser Zeit wurden sie durch Fortbildungen intensiv auf ihre neue Rolle als Auftraggeber vorbereitet.
Beim Persönlichen Budget sind die Nutzerinnen und Nutzer die „Chefs“. Ihnen steht ein Geldbetrag zur Verfügung, mit dem sie sich die Leistungen zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, wie Begleitung zu Sportveranstaltungen, ins Kino oder zum Schwimmen, von den Anbietern ihrer Wahl einkaufen. Sie können die Leistungen beim Team im Wohnheim bestellen oder aber auf einen externen Dienst zurückgreifen.
Um zu bestimmen, welches Hilfeangebot das Beste für sie ist, benötigen die meisten Budgetnehmer Beratung. In der Regel erhalten sie diese von ihren Bezugspersonen. „Das ist für die Mitarbeitenden ein unglaublicher Rollenkonflikt und eine paradoxe Situation. Sie gefährden ihren eigenen Arbeitsplatz, wenn sie die Leistungen externer Anbieter empfehlen“, so Teamleiterin Susanne Sellin. „Je besser ich also berate, desto mehr säge ich an meinem Stuhl.“
Obwohl es keine Stellengarantie für die Mitarbeitenden im Wohnheim am Stadtring gab, haben sie die Bewohnerinnen und Bewohner selbst gegen ihre eigenen Interessen professionell beraten. „Die Budgetberatung ist sehr wichtig. Es hat sich gezeigt, dass die Bewohner dabei auf Menschen zurückgreifen wollen, denen sie vertrauen. Das sind die Mitarbeitenden im Wohnheim“, so Susanne Sellin. Trotz zum Teil erheblicher Umstellungsprozesse, die im Rahmen von PerLe vollzogen wurden, bewerten sowohl die Bewohner als auch die Mitarbeitenden das Modell positiv. Selbstsicherer und zufriedener seien die Budgetnehmerinnen und Budgetnehmer geworden. „Das Klima im Wohnheim ist besser. Wir haben sogar mehr Zeit für jeden einzelnen Bewohner“, betont Susanne Sellin.
Mit Beginn des Jahres 2008 hat jeder behinderte Mensch einen Rechtsanspruch auf das Persönliche Budget. „Als Lernfeld für die Budget-Idee empfehle ich den Leistungserbringern das PerLe-Modell“, sagt Dr. Gudrun Wansing von der Technischen Universität Dortmund. Denn das, was im Betheler Wohnheim am Stadtring jetzt schon Wirklichkeit sei, nämlich die Differenzierung und Individualisierung von stationären Leistungen als auch ihre Verknüpfung mit ambulanten Diensten und privaten Hilfen, sei zukunftweisend.
Unterstützt wurde das Projekt vom Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) und dem Bundesverband ev. Behindertenhilfe e.V. (BeB).
Rainer Nußbicker (Hg.). Ich bin jetzt Chef! – Die Idee des persönlichen Budgets in einer stationären Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Bethel-Verlag 2007.
98 Seiten mit CD, 19,80 Euro.
ISBN 978-3-935972-17-8