
Was gestern geschah, will partout nicht Vergangenheit werden: Schindlers Liste, der Historikerstreit, Daniel J. Goldhagen, die Wehrmacht-Ausstellung in München...., auch in Bethel nicht. Wie wurden behinderte Frauen und Männer behandelt, als 1933 ein Gesetz ihre Sterilisierung anordnete? Und was geschah, als ohne Gesetz und Recht jene "Euthanasie" genannte Ermordung kranker Bürger unseres Landes vonstatten ging?
Kurt Pergande hatte bald nach Kriegsende Vater und Sohn v. Bodelschwingh auf einen stolzen Denkmalssockel gehievt (Der Einsame von Bethel. 1953). Ernst Klee dagegen versetzte Fritz von Bodelschwingh auf die Anklagebank (Euthanasie. 1983). Aus dieser so oder so irreführenden Polarisierung wird nur sorgfältiges Studium der noch vorhandenen schriftlichen Dokumente herauslotsen. Dieser Aufgabe hat sich Anneliese Hochmuth mit Sorgfalt gewidmet. Sie entdeckte in den Aktenablagen der Anstalt Bethel Dokumente, die direkte Einblicke in das Geschehen zwischen 1933 bis 1945 vermitteln. "Spurensuche" ist ein zutreffender Titel für ihre im wahrsten Sinne des Wortes "Fleißarbeit".
Der Leser nimmt, anhand der Zitate, unvoreingenommen teil am damaligen Geschehen. Die Verfasserin skizziert den geschichtlichen Ablauf in nur knappen Zwischentexten. M. Benad faßt ihn als Einleitung zu einem konzentrierten Überblick zusammen. Nichts an Hochjubeln oder anklägerischer Recherche: Der Leser ist eingeladen, sich sein eigenes Urteil zu bilden.
Die öffentliche Meinung sieht die zwangsweise Sterilisierung und die sogenannte "Aktion Gnadentod" als einen zusammengehörenden Vorgang an. Die nationalsozialistischen Akteure verstanden es auch so. Einen "gereinigten Volkskörper" wollte man mit beiden Aktionen zustande bringen. In der damaligen "Inneren Mission", auch in Bethel, dachte man differenzierter. Die Sterilisation galt als eine wissenschaftlich ("Eugenik") fundiert begründete Maßnahme zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Dieses "geringfügige Opfer" meinte man den Betroffenen zumuten zu können.
Die getarnt durchgeführte "Euthanasie" hingegen war ein Unternehmen Hitlers und seiner Gehilfen, das schon im voraus, in einem Vortrag 1929, Fritz v. Bodelschwinghs Widerspruch fand. Fraglich war nur, wie Widerstand zu leisten sei. Der Betheler Anstaltsleiter entschied sich - so seine eigene Formulierung - für einen Widerstand "in durchaus loyalen und elastischen Formen". Zur Begründung für diesen anstelle eines offenen und damit öffentlichen Widerstandes gefaßten Entschluß und zu den äußerst turbulenten und komplexen Folgen, die er hatte, geben die von Anneliese Hochmuth zitierten Texte vielfältige Auskunft. Daß hier ein Mann bis an die Grenze seiner physischen und seelischen Kräfte auf seine Weise jahrelangen zähen Widerstand leistete, wird überzeugend sichtbar; auch welche Weggefährten er dabei fand.
Offene Fragen bleiben. Es gehört zur Verehrung einer Person hinzu, sie der Kritik für würdig zu erachten. Kritik muß sich freilich in die biographisch zugewachsene Geisteswelt der damaligen Zeitgenossen eindenken können, in der Einsichten, die uns inzwischen unter harten Schlägen beigebracht wurden, nicht verinnerlicht waren.
Dem Leser der "Spurensuche" drängen sich zudem Fragen an uns heute auf. Wie nehmen wir das Verhalten unserer Väter und Mütter, und darin auch ihr Versagen und Verschulden, wahr? Wie finden wir als Deutsche und als Christen zu einem eigenen verläßlichen historischen Bewußtsein? Wie finden Anerkennung und Trauer (wer Gott teilnehmen läßt an seiner Bekümmernis nennt es "Buße") im Rückblick auf gestern in unserem Denken zueinander? Und dann: Wie reagieren denn wir, wenn heutzutage im Gewand wissenschaftlicher Thesen "die Eliminierung von Erbkrankheiten" als möglich angesehen und - vorerst noch in leisen Tönen - in Büchern, Zeitschriften und den visuellen Medien auch empfohlen wird? In der Weltgeschichte sind wir alle und zu jeder Zeit, einschließlich der Mitläufer, nie nur Zuschauer, sondern allemal aktiv Beteiligte.
- Alex Funke -
(Pastor Alex Funke leitete die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel von 1968-1979. Er gab wesentliche Anstöße für dieses Buch.)
Anneliese Hochmuth: Spurensuche - Eugenik, Sterilisation, Patientenmorde und die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel 1929-1945.
Bethel-Verlag. Bielefeld 1997. I
SBN 3-922463-83-5.
14,90 Euro.