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„Wie lebendig begraben“

Geschichte der Freistätter Heimkinder

„Wie lebendig begraben“

Es ist ein dunkles Kapitel in der langen Bethel-Historie: die Geschichte der Fürsorgeerziehung in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel von der Nachkriegszeit bis in die frühen 1970er-Jahre. Unter dem Titel „Endstation Freistatt“ ist Mitte Mai die Aufarbeitung der Freistätter Heimkinder-Geschichte erschienen. Die Einrichtung in Niedersachsen ist für viele Betroffene mit Zwang, Gewalt und Willkür verbunden.

„Zum ehrlichen Umgang mit unserer Geschichte gehört auch der selbstkritische Blick auf schwierige Zeiten und Schuldverstrickung“, schreibt Bethels Vorstandsvorsitzender Pastor Ulrich Pohl im Geleitwort. Die Fürsorgeerziehung sei in einem System geschehen, das häufig von Gewalt, Einschüchterung und Angst geprägt war. „Es ist beschämend, dass Menschen bei uns Leid und Unrecht zugefügt worden ist“, so Pastor Ulrich Pohl.

Mit dem Buch wird zum ersten Mal eine wissenschaftlich fundierte historische Untersuchung über die Fürsorgeerziehung in einer diakonischen Einrichtung veröffentlicht. Das Buch ist das Ergebnis einer gut zweijährigen Forschungsarbeit und wird von Prof. Dr. Matthias Benad von der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel sowie den Betheler Historikern Dr. Hans-Walter Schmuhl und Kerstin Stockhecke herausgegeben. Es erscheint in Kooperation des Bethel-Verlags und des Verlags für Regionalgeschichte.

Spätestens seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts stand die Erziehungsarbeit in christlichen Einrichtungen unter dem Einfluss des Staates. Die Teilverstaatlichung hatte „einen schleichenden Wandel des Erziehungskonzepts und der Erziehungspraxis zur Folge“, schreiben die Buch-Autoren. Auch in Freistatt wird das Grunddilemma der evangelischen Erziehungsarbeit zwischen „freiem christlichen Liebeswerk und staatlicher Zwangserziehung“ deutlich. Hier wurde versucht, die Jugendlichen mit zum Teil drakonischen Strafen zu disziplinieren. Schläge und Zwangsmaßnahmen waren an der Tagesordnung.

In dem Buch stehen neben der wissenschaftlichen Darstellung und Aufarbeitung der Quellen auch die Aussagen und Einschätzungen ehemaliger Betroffener. Etwa 7 000 Jungen wurden zwischen 1949 und 1974 in Freistatt erzogen. Die Erinnerungen ehemaliger Zöglinge skizzieren ein düsteres Bild vom damaligen Alltagsleben.

„Niederschmetternd“, so umschreibt zum Beispiel Gerhard G. allein seinen Eindruck bei der Ankunft in Moorstatt im Jahr 1946. „Wie lebendig begraben“ fühlte sich Klaus K. in seiner ersten Nacht in einer vergitterten und abgeschlossenen Einzelzelle in der Moorburg im Jahre 1958. Bereits bei der Aufnahme sei es des Öfteren zu ersten gewaltsamen Konfrontationen mit dem Hausvater gekommen, berichten Ehemalige – zum Beispiel mit einem Schlag ins Gesicht zur „Begrüßung“. Ein anderer Hausvater habe manchmal ein Exempel statuiert, indem er sich den einen oder anderen jungen Mann herausgegriffen und ihn beim „Antreten“ vor versammelter Mannschaft „umgehauen“ habe. So wollte er seine „Macht demonstrieren“. Als sehr belastend schildern ehemalige Heimkinder auch demütigende Behandlung und Strafarbeiten wie Torfsieben oder mehrwöchiger Dauerarrest im „Besinnungsstübchen“. Die körperliche wie die psychische Gewalt hat viele Facetten in den Erzählungen der ehemaligen Zöglinge.

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Matthias Benad, Hans-Walter Schmuhl, Kerstin Stockhecke (Hg.):
„Endstation Freistatt –  Fürsorgeerziehung in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bis in die 1970er Jahre.“ 376 Seiten mit 26 s/w-Abbildungen. 2. Auflage. 24 Euro.
Bethel-Verlag ISBN 978-3-935972-34-5.

 
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