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Die Nieren - beerdigen oder spenden?

Organspenden retten Leben

Morgens um viertel nach vier klingelt der Wecker. Alexia Brinkmann steht auf, macht sich fertig und bereitet alles vor, damit ihre Kinder gut in den Tag starten können. Dann nimmt sie den Bus. Der bringt sie aber nicht zur Arbeitsstelle, sondern ins Ev. Krankenhaus Bielefeld in Bethel (EvKB). Drei Mal in der Woche muss sie zur Blutwäsche ins Dialysezentrum. Ihre Nieren funktionieren nicht mehr. Ohne Dialyse würde sie sterben. Die 27-Jährige steht auf der Warteliste für eine Organtransplantation. 

Dr. Rainer Valentin und Alexia Brinkmann Früh morgens ist viel los im Dialysezentrum in Bethel. Fast alle Betten sind belegt. Die Patienten haben dicke Nadeln mit Schläuchen daran im Arm. Das Blut wird durch die Schläuche in die Dialysemaschine gepumpt und gereinigt. Über vier Stunden dauert die Prozedur. Wie Alexia Brinkmann kommt auch Alexander Suprun regelmäßig zur Blutwäsche. Seine Ausbildung musste der 22-Jährige wegen seiner Erkrankung abbrechen. Nun hofft er auf eine neue Niere und ein neues Leben. „Man hat mir gesagt, die Wartezeit beträgt sieben Jahre. Ich fühle mich aber körperlich und psychisch fit. Die sieben Jahre halte ich durch“, schaut Alexander Suprun optimistisch in die Zukunft.  

Auf der Warteliste für neue Organe finden sich in Deutschland zirka 12 000 Namen. 8 000 der Patienten benötigen eine Niere. „In Deutschland gibt es viel zu wenige Spenderorgane. Das führt zu langen Wartezeiten und zu immer länger werdenden Listen“, sagt Dr. Rainer Valentin, leitender Arzt der Nephrologischen Abteilung des EvKB. „Weil immer mehr Patienten ein neues Organ brauchen, werden aus der Mangelsituation heraus auch Organe zur Transplantation akzeptiert, deren Organqualität keine optimale Langzeitfunktion verspricht.“ Früher habe man über 60-Jährige als Organspender abgelehnt. Heute kämen auch 90-Jährige in Betracht, so Dr. Valentin. 

Menschen helfen - über den Tod hinaus

Wenige Schritte vom Dialysezentrum entfernt befindet sich das Traumazentrum des EvKB. Hierhin werden schwerstverletzte Unfallopfer und andere Menschen in lebensbedrohlichem Zustand gebracht. Wenn sie nicht gerettet werden können, sind sie potenzielle Spender von Organen. Prof. Dr. Fritz Mertzlufft ist Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Notfall- und Intensivmedizin. Er und sein Team kämpfen um jedes Leben. Deshalb schlagen zwei Herzen in seiner Brust, wenn es um das Thema Organspende geht. „Ich bin Arzt. Meine Aufgabe und Pflicht ist es, Leben zu erhalten. Wenn ich als gläubiger Christ für meine Patienten bete, dann dafür, dass sie gesund werden, nicht dass sie sterben und Organspender werden.“ Auf der anderen Seite setzt sich Prof. Mertzlufft mit aller Kraft dafür ein, dass sich Menschen dafür entscheiden, ihre Organe nach dem Tod zur Verfügung zu stellen. 

Prof. Dr. Fritz Mertzlufft (r.) und Dr. Friedhelm Bach Unterstützt wird der Mediziner dabei von seinem Oberarzt Dr. Friedhelm Bach. Dieser hat sich nach den Richtlinien der Bundesärztekammer zum Transplantationsbeauftragten qualifizieren lassen. Dr. Bach sorgt dafür, dass die gesetzlichen Aufgaben der Klinik im Zusammenhang mit Organspenden erfüllt werden. Die Funktion des Transplantationsbeauftragten hat er aus Überzeugung übernommen. „Organe zu spenden ist ein Akt der Nächstenliebe. Über den Tod hinaus kann man anderen Menschen helfen“, so der Anästhesist. Als Mitarbeiter eines evangelischen Krankenhauses verweist er auf die Stellungnahmen beider großen Kirchen in Deutschland. Bereits 1990 haben sie eine gemeinsame Erklärung herausgeben, in der sie die Einwilligung zur Entnahme von Organen nach dem eigenen Tod als ethisch verantwortliches Handeln bezeichnen.

Siebzig Prozent der Deutschen finden Organspenden gut. Aber nur ein Bruchteil der Befürworter trägt einen Organspendeausweis bei sich – ein krasser Widerspruch. „Es gibt Ängste und Vorbehalte in Bezug auf die Explantation, also die Entnahme der Organe. Die Menschen fragen sich: Was passiert mit mir, wenn ich in einer lebensbedrohlichen Lage bin? Lässt man mich als Organspender schneller sterben?“, erläutert der medizinische Ethiker am EvKB, Dr. Klaus Kobert, die Zweifel in der Bevölkerung.  

Dr. Klaus KobertImmer wieder geraten auch der Todeszeitpunkt und die Kriterien zur Feststellung des Todes in die Kritik. Dr. Klaus Kobert greift auf Forschungsergebnisse zurück. „Wenn der Hirntod festgestellt wird, dann ist der Tod definitiv eingetreten. Der Zustand ist nicht mehr umkehrbar, mit keiner intensivmedizinischen Maßnahme.“ Als Intensivmediziner weiß Dr. Kobert, wovon er spricht. Der Hirntod sei ein unnatürlicher Tod, der nur auf der Intensivstation stattfinde und nur bei Patienten, die künstlich beatmet würden. „Wird der Hirntod festgestellt, werden die lebenserhaltenden Apparate ausgestellt. Nur bei Spendern arbeiten sie organerhaltend weiter.“ Über den Hirntod befinden vor der Organentnahme unabhängig voneinander zwei erfahrene Ärzte, so schreiben es die Leitlinien vor. 

Ärzte handeln aus Überzeugung

In Deutschland gilt die erweiterte Zustimmungslösung. Das heißt: Nur wer zu Lebzeiten einer Organspende zugestimmt hat, kommt sofort als Spender in Frage. Organspender tragen einen Organspendeausweis bei sich. Darin haben sie angekreuzt, dass nach ihrem Tod Organe entnommen werden dürfen. Und sie haben eingetragen, welche im toten Körper verbleiben sollen. Verstirbt ein Patient auf der Intensivstation im Krankenhaus und es liegt kein Organspendeausweis vor, ist der Transplantationsbeauftragte verpflichtet, die nächsten Verwandten darauf anzusprechen. „Das möchten wir den Angehörigen möglichst ersparen. Deshalb ist der Organspendeausweis so wichtig“, sagt Prof. Dr. Fritz Mertzlufft.  

Prof. Mertzlufft ist überzeugt davon, dass die Rahmenbedingungen zur Organspende in Deutschland richtig sind. „Nirgendwo sind die Kriterien so streng. Niemand muss Angst haben, dass wir leichtfertig Organe entnehmen. Bei Explantationen zahlen die Kliniken drauf. Die Ärzte handeln allein aus Überzeugung, nicht weil es Gewinn bringt“, betont der Chefarzt. Auch die erweiterte Zustimmungslösung findet er richtig. „Ich alleine entscheide, was nach dem Tod mit meinen Organen passiert.“ Der Gesetzgeber lässt den Widerspruch ausdrücklich zu. „Deshalb gibt es keinen Grund, auf einen Organspendeausweis zu verzichten. Ich kann ja darauf ankreuzen: Nein, ich widerspreche einer Entnahme von Organen und Gewebe“, hebt er in aller Deutlichkeit hervor.  

Jeder Mensch ein potentieller Organspender?

In anderen europäischen Ländern, zum Beispiel in Österreich oder Belgien, gibt es ein anderes Transplantationsgesetz. Hier gilt die Widerspruchslösung. Das heißt: Jeder verstorbene Mensch ist ein potenzieller Organspender, wenn er zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. „Diese Länder haben nicht so einen gravierenden Organmangel, wie wir ihn haben“, gibt der Nephrologe Dr. Rainer Valentin zu bedenken. Weil die Dialyse auf Dauer mit Komplikationen einhergehe und sowohl die Lebensqualität als auch die Lebenserwartung der Dialysepatienten beeinträchtigt seien, werde immer häufiger auf Lebendspender zurückgegriffen. Durch die Medien bekannt geworden ist die Lebendnierenspende des Politikers Frank Walter Steinmeier für seine Frau. „Nieren existieren im Körper paarweise. Einem nahen Verwandten zu Lebzeiten eine Niere zu spenden ist selbstlos und löblich, aber nicht die Lösung des Problems“, sagt Dr. Valentin.  

Alexander SuprunIm Transplantationsgesetz aus dem Jahr 1997 wird die Lebendspende gegenüber der Organspende toter Menschen als nachrangig bewertet. „Aus gutem Grund“, so Dr. Valentin. „Einem gesunden Menschen ein Organ zu entnehmen, ihn also zunächst einmal krank zu machen, widerspricht den Grundsätzen ärztlichen Handelns ‚Primum nihil nocere’ – erstmal nicht schaden“, erläutert der leitende Arzt. Für seinen Patienten Alexander Suprun, der einen seiner Vormittage wieder einmal an der Dialysemaschine verbringt, kommt eine Lebendorganspende von Familienangehörigen sowieso nicht in Frage. „Meine Schwestern haben Kinder oder wollen Kinder. Und meinen Eltern will ich das erst gar nicht zumuten. Sie sind schließlich nicht mehr jung“, sagt der Patient mit Bestimmtheit. 

Transplantationsgesetz auf dem Prüfstand

Das Bundesgesundheitsministerium hat das Thema „Organtransplantation“ aktuell auf der Agenda stehen. Unter Umständen wird es demnächst eine Novellierung des 14 Jahre alten Transplantationsgesetzes geben zugunsten der Menschen, die dringend ein neues Organ brauchen. Das Ministerium steht im Dialog mit den zuständigen Organisationen, wie der Deutschen Transplantationsgesellschaft. Denn es ist nicht zu übersehen, dass trotz Hochleistungsmedizin die Transplantat-Überlebensraten in Deutschland statistisch gesehen schlechter sind als in anderen europäischen Ländern. Die mangelnde Organspendebereitschaft der Gesellschaft ist einer der Gründe dafür. Auf diesen Missstand macht der Tag der Organspende aufmerksam, der jedes Jahr am ersten Samstag im Juni stattfindet.

Wie alle Dialysepatienten, die auf der Warteliste für Organempfänger stehen, hat auch Alexia Brinkmann ihr Handy stets bei sich. Aus dem Nichts könnte der Anruf kommen, um ihr mitzuteilen, dass ein passendes Organ gefunden wurde. Dann müsste sie sofort aufbrechen zum Transplantationszentrum in Hannoversch Münden. Würde die 27-jährige Mutter das feiern? „Ich bin dankbar, wenn ich eine neue Niere erhalte, das ist wahr. Aber zum Feiern gibt es keinen Grund. Schließlich ist dann ein Menschen gestorben, damit ich leben kann“, sagt sie.

Fotos: Reinhard Elbracht / Paul Schulz

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