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23.05.2013

10 Jahre Klinisches Ethikkomitee im EvKB


(v.l.) Dr. Rainer Norden, Vorsitzender Geschäftsführer des EvKB, Margarete Pfäfflin, Mitglied im Ethikkomitee, Prof. Dr. Florian Weißinger, Mitglied im Ethikkomitee und Dr. Klaus Kobert, Leitender Klinischer Ethiker im EvKB. Foto: Reinhard Elbracht

Grenzsituationen erkennen – ethisch handeln

Das Ev. Krankenhaus Bielefeld (EvKB) bietet neben den medizinischen, pflegerischen und therapeutischen Leistungen ein ganz besonderes Angebot für Patienten, ihre Angehörigen und Behandlungsteams: die Klinische Ethik. Vor 10 Jahren wurde im Mai 2003 im EvKB ein Ethikkomitee gegründet. Damit nahm das Klinikum eine Vorreiterrolle in Deutschland ein. Bei schwierigen Behandlungsfragen brachte das Gremium die Entscheidungsträger miteinander ins Gespräch und suchte mit ihnen gemeinsam nach Lösungen. Es beschäftigt sich mit Fragestellungen, die Strukturen einer verantwortungsvollen Patientenversorgung insgesamt betreffen. Seit 2005 gibt es im EvKB die Funktion des Klinischen Ethikers als eigene Stabsstelle – sie ist bis heute noch eine bundesweite Rarität. Auch ein Klinischer Ethikberatungsdienst, der sich mit konkreten Behandlungsentscheidungen befasst, ist inzwischen ein eigenständiges Angebot geworden, das von jedem im Krankenhaus (auch von Patienten und Angehörigen) in Anspruch genommen werden kann.

Im Ethikkomitee werden vor allem übergeordnete Themen behandelt. Einige Beispiele: Wie lässt sich für den Umgang mit Schwerstkranken und Sterbenden im Krankenhaus vor dem Hintergrund der knappen Personalressourcen eine Lösung finden? Wie ist auf eine steigende Zahl von Patienten mit Delir („Durchgangssyndrom“) zu reagieren? Ist es ethisch vertretbar, einen Patienten aus dem Ausland zu therapieren, wenn in seinem Heimatland eine Anschlussbehandlung kaum möglich sein wird? Mit Fragestellungen wie diesen hat das Ethikkomitee in den vergangenen zehn Jahren viel bewegt: Durch eine Kooperation des Krankenhauses mit dem Hospizverein Bethel wurde eine Begleitung für Schwerstkranke und Sterbende geschaffen, die auch über den Krankenhausaufenthalt hinaus bestehen bleibt. Als erstes Krankenhaus in Deutschland führte das EvKB das Hospital-Elder-Life-Program (HELP) zur Vermeidung von Delirien ein. Anfragen aus Ländern mit unzureichender Gesundheitsversorgung zur Behandlung von Patienten werden im Einzelnen durch das Komitee geprüft.

Beispiel aus der Praxis

Ein Patient hat beispielsweise bei einem Verkehrsunfall schwerste Verletzungen erlitten und befindet sich auf der Intensivstation. Seine Behandlungsaussichten sind nach ärztlicher Einschätzung schlecht. Äußern kann sich der Patient nicht. Welche medizinischen Maßnahmen sind sinnvoll? Verlängert die Behandlung auf der Intensivstation sein Leiden? Gibt sie ihm die Chance, sein Leben so weiterführen zu können, wie er es für sich befürworten würde? Dies sind Fragestellungen, mit denen sich die Ethikberater auseinandersetzen und für die sie aufgrund vielerlei Informationen über den Patienten Handlungsempfehlungen entwickeln. Wurden diese Fälle in den ersten Jahren im Komitee besprochen, gibt es hierfür mittlerweile den Klinischen Ethikberatungsdienst – eine Reaktion auf die gestiegene Nachfrage nach ethischen Fallbesprechungen. Die Mitglieder haben alle eine spezielle Qualifikation in Klinischer Ethik und kommen aus allen Berufsgruppen. Gemeinsam mit dem Behandlungsteam und – auf Wunsch – auch mit den Angehörigen werden Empfehlungen für die Weiterbehandlung entwickelt.

160 Patientenschicksale

Die Nachfrage nach Beratung hinsichtlich ethischer Fragestellungen ist im EvKB deutlich angestiegen. Dementsprechend hat sich das Angebot sehr positiv entwickelt. Auch deutschlandweit ist die Tendenz steigend: Etwa zehn bis 15 Prozent der Krankenhäuser mit mehr als 400 Betten haben heute eine Form der Ethikberatung. Im EvKB führt diese etwa 50 Fallgespräche pro Jahr, die von immer mehr Stationen angefordert und auch von Hausärzten und Pflegeheimen initiiert werden. Während der Visiten zum Beispiel auf der Intensiv- oder der Palliativstation im Krankenhaus oder im Hospiz werden von Mitgliedern des Ethikkomitees jährlich etwa 160 Patienten mit ethischen Fragestellungen besprochen. Die Arbeit findet in einem multiprofessionellen Team statt. Die Mitglieder des Ethikkomitees füllen diese wichtige Tätigkeit nebenamtlich aus. Sowohl die Kontinuität als auch der Grad der Qualifikation in diesem Gremium sind in Deutschland noch sehr selten. 

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