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11.10.2017

Auf Tuchfühlung mit dem Islam


Klartext: Cemil Sahinöz, Vorsitzender der Islamischen Gemeinden Bielefeld, erklärt die Unterschiede zwischen Koran, Hadith und Theologie.

Ohne Berührungsängste: Jasmin Obst, Zehra Arslan und Sonja Leber (v.l.) tauschen sich über die Rolle der Frau im Islam aus.

Arabische Note: Lars John mixt den Persischen Smoothie mit Melone, Traube, Nelke und Kurkuma zusammen. Fotos: Johann Vollmer

Berufsschüler in Bethel bauen auf Projekttag religiöse Vorurteile ab 

Muslime und Nichtmuslime sitzen in einer Klasse, im gleichen Bus, besuchen die gleichen Sportvereine, und doch wissen beide gegenseitig wenig über Religion und Kultur des anderen. Weil die Ängste und Ablehnung gegenüber dem Islam viel mit Unwissenheit und Unsicherheit zu tun haben, setzt das Kerschensteiner Berufskolleg und das Berufsbildungswerk Bethel auf Aufklärung. Ein gemeinsamer Projekttag stand unter dem Motto: „Islam – und was ich schon immer darüber wissen wollte.

„Wir wollen mehr miteinander und übereinander ins Gespräch kommen“, sagt Religionslehrerin Christina Weichelt vom Kerschensteiner Berufskolleg, die den Projekttag mit ins Leben gerufen hat. „Man hat so viele Fragen, aber man geht ja nicht einfach auf Fremde zu und spricht sie an“, erklärt die 18-Jährige Jasmin Obst das Problem. Zehra Arslan und Cemil Sahinöz vom „Bündnis Islamischer Gemeinden Bielefeld“ (BIG), die heute Rede und Antwort stehen, erleben das immer wieder: „Ohne den Dialog bleiben diese vielen Fragezeichen im Kopf“, sagt Sahinöz.

Wie schnell ohne Kommunikation Missverständnisse entstehen, erläutert Sahinöz am einfachen Beispiel eines Umzugs in ein neues Viertel: „In der Türkei besuchen die alt Eingesessenen die neuen Nachbarn, in Deutschland ist es dagegen üblich, dass die Zugezogenen herumgehen und sich vorstellen. Wenn man das gegenseitig nicht weiß, findet kein Kontakt statt. Und schon heißt es: Die wollen uns nicht! oder aber: Die wollen sich nicht integrieren und bilden eine Parallelgesellschaft.“

Schnell überwiegen so die Klischees: die muslimische Frau als unmündige Gebärmaschine, die alle Arbeiten in der Familie zu verrichten hat, zwangsverheiratet wurde und dem Mann dienen muss. „Diese Vorurteile begegnen mir immer wieder“, sagt Zehra Arslan, die Pädagogik studiert hat und die in Bethel in der Jugendhilfe arbeitet. „Das ist aber nicht das Frauenbild des Islam. Im Koran ist die Frau nicht untergeordnet, sondern steht gleichberechtigt neben dem Mann.“ Sie berichtet von starken Frauen, die sich schon zu Zeiten des Propheten Muhammed behauptet haben: von Hatice, der Geschäftsfrau und ersten Ehefrau des Propheten, von Ayse, der zweiten Frau, die als Wissenschaftlerin und Medizinerin tätig war, oder von Fatima Al-Fihri, der Begründerin der ersten Universität der Welt in Marokko im Jahr 859.

Dennoch gebe es natürlich in vielen Ländern die Abhängigkeiten und kulturell bedingte Zurücksetzungen von Frauen, wie es sie auch in Europa und auch in Deutschland lange gegeben habe, sagt Zehra Arslan und fordert: „Da müssen wir laut werden“. Dass kulturelle Unterschiede oft mit Religion gleichgesetzt werden, und so ein Bild von Fremdheit und Ausgrenzung entsteht, sieht auch Cemil Sahinöz so. „Dabei sind die Gemeinsamkeiten von Judentum, Christentum und dem Islam groß. Die müssen wir nur mehr betonen.“ Die feinen Unterschiede können dabei aber auch spannend sein. Wie die Geschmacksexplosion beim Persischen Smoothie, den die Projekt-Teilnehmer des Islamtages zusammen gemixt haben. Lars John hat für die arabische Note mit Nelke und Kurkuma gesorgt. „Man muss auch mal was Neues ausprobieren.“


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