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08.06.2017

Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert Projekt zur Bethel-Geschichte


Prof. Dr. Traugott Jähnichen (l.) und Dr. Uwe Kaminsky von der Ruhr-Universität Bochum tragen die wissenschaftliche Verantwortung für die Bethel-Studie. Foto: Reinhard Elbracht

Bochumer Forscher beschreiben Alltagsleben behinderter Menschen

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat ein dreijähriges Projekt zur „Erforschung der Geschichte der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel zwischen 1924 und 1949“ bewilligt. Durchführen wird es der Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre an der Ruhr-Universität Bochum unter Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Traugott Jähnichen. Ab September wird Dr. Uwe Kaminsky, langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl, mit der Auswertung der überlieferten Akten beginnen. Kaminsky hat bereits zahlreiche diakonische Einrichtungen untersucht und ist ausgewiesener Experte für Diakonie- und Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Er wird beim Projekt von Studierenden des Fachbereichs bei der Datenerhebung und Quellenauswertung unterstützt. Die DFG fördert das Projekt zur Betheler Geschichte mit 330.000 Euro.

 „Ziel des unabhängigen, von einem wissenschaftlichen Beirat aus Theologen, Medizinern und Historikern begleiteten Projekts, ist eine möglichst umfassende Alltagsgeschichte der damaligen v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel“, erklärt Dr. Uwe Kaminsky. In dem Untersuchungszeitraum gehe es um den Lebensalltag von Menschen mit Behinderungen in den Bereichen Epilepsie, Behindertenhilfe und Psychiatrie.

Quellenbasis werden neben den Sachakten, die im Hauptarchiv Bethel und in zahlreichen weiteren Archiven untersucht werden, mehr als 2.000 Patientenakten aus dem Hauptarchiv Bethel sein. „Patientenakten sind eine bedeutende Quelle, die über das Leben der Menschen in einer Anstalt wichtige Auskünfte geben können. In den letzten Jahren haben sie in der historischen Forschung immer stärker an Bedeutung gewonnen“, betont Dr. Kaminsky.  Dem werde auch dieses Forschungsprojekt Rechnung tragen. Anhand eines Erhebungsschemas werden die Akten sowohl quantitativ wie auch qualitativ ausgewertet.

Es geht darum, Fragen der Pflege, der medizinischen Versorgung oder der Bedeutung von Arbeit nachzugehen. „Hierbei gilt es, möglichst umfassend die Patientenperspektive in Form von Egodokumenten, wie auch die sozialstatistische und institutionelle Perspektive in eine Darstellung zu bringen.“, heißt es im jetzt genehmigten Projektantrag. Differenziert betrachtet wird auch die erhöhte Sterblichkeit in den Kriegsjahren 1939 bis 1945. Bei der historischen Untersuchung werden Einflussfaktoren auf das Sterberisiko, wie Diagnose, körperliche Begleiterkrankungen und Behinderungen, Alter, Geschlecht, soziale Herkunft, Arbeitsleitsung, Pflegeaufwand, Verhalten in der Anstalt und Aufenthaltsdauer mit statistischen Methoden aufgeklärt. Damit soll geprüft werden, auf welche Einflussfaktoren die auch in Bethel in den Kriegsjahren erhöhte Sterblichkeit zurückzuführen ist.

Vergleichend wird dazu als staatliche Einrichtung die Provinzialheilanstalt Gütersloh herangezogen. Im Rahmen einer Vergleichsstichprobe werden hier ebenfalls Patientenakten ausgewertet. Dabei geht es besonders darum, mögliche Unterschiede zwischen einer staatlichen und einer konfessionellen Einrichtung zu identifizieren.

Alle zu erhebenden Daten dienen einerseits für eine statistische Auswertung, sind aber vor allem Grundlage für eine qualitative Auswertung im Sinne einer lebensgeschichtlichen Beschreibung der Menschen in den Anstalten. „So sollen aussagekräftige Einzelschicksale von Menschen vor dem Hintergrund der statistischen Befunde beschrieben werden“, formuliert Dr. Uwe Kaminsky ein Ziel seiner Forschung. Die Ergebnisse des vorerst auf drei Jahre angelegten Forschungsprojektes werden in eine wissenschaftliche Darstellung münden und veröffentlicht.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ist die europaweit größte unabhängige Forschungsförderorganisation und hat ihren Sitz in Bonn-Bad Godesberg. Sie wird vom Bund und den Bundesländern getragen. 2015 hat die DFG einen Förderetat von 2,84 Milliarden Euro an Einzelforscher, Forschungsverbünde und -zentren in Deutschland vergeben.


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