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11.11.2016

Fachtagung "Delir" für den deutschsprachigen Raum


Es wurde eng im großen Saal in der Neuen Schmiede - rund 200 Teilnehmerinnen und Teilneher kam zu der Tagung.

Eva Voß ist eine delirgefährdete Patientin. Im Ev. Krankenhaus Bielefeld hilft Robin Umbach ihr täglich sich zeitlich und örtlich zu orientieren.

Prof. Dr. Jochen Meyburg ist Experte für das Delir bei Kindern. Fotos: Paul Schulz

Der Erlkönig und das Delir

Es war eine Fachveranstaltung von hohem Interesse. Nahezu 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet, Österreich und der Schweiz kamen jetzt nach Bethel, um sich über das Thema „Delir“ auszutauschen. Gastgeber war das Netzwerk-Delir, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Delirprävention im deutschsprachigen Raum voranzutreiben. Zu der Steuerungs- und Gründergruppe des Netzwerkes gehört auch Dr. Stefan Kreisel, Ärztlicher Leiter der Gerontopsychiatrie im Ev. Krankenhaus Bielefeld (EvKB).

Delir ist ein Verwirrtheitszustand, den vor allem Patientinnen und Patienten im höheren Alter erleiden, wenn sie ins Krankenhaus müssen und operiert werden. „Ein Viertel aller Patienten über 65 Jahren erleiden ein Delir. Davon können eine Drittel vermieden werden“, macht Privatdozentin Dr. Christine Thomas klar. Die Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Ältere im Klinikum Stuttgart hat vor vier Jahren das HELP-Programm nach Deutschland geholt. Damals war sie noch Leiterin der Gerontopsychiatrie im EvKB und damit die Vorgängerin von Dr. Stefan Kreisel, der ihr HELP-Erbe übernommen hat. HELP steht für Hospital Elder Life Programm und ist ein Präventionskonzept, das eingesetzt wird, um das Delir zu verhindern. Seit es im EvKB eingeführt wurde, ist die Delirrate um 30 Prozent gesunken.

Das Delir wird in der Regel mit älteren Menschen in Zusammenhang gebracht. Dass aber auch Kinder im Krankenhaus davon betroffen sein können, ist in der Wissenschaft kaum beachtet worden. „Es ist in der Pädiatrie ein unbekanntes Thema. Es gibt keine Forschung. Wir sind weit weit zurück“, beklagt Prof. Dr. Jochen Meyburg. Der Oberarzt der Kinderintensivstation in der Universitätsklinik Heidelberg hat sich deshalb selbst des Themas angenommen und hat in der Literatur des 18. Jahrhunderts Hinweise auf ein kindliches Delir gefunden.

Johann Wolfgang von Goethe beschreibt 1782 in seiner Ballade vom Erlkönig, den Höllenritt eines Vater mit seinem todkranken Kind: „Mein Sohn, was birgst du so bang Dein Gesicht? Siehst Vater du, den Erlkönig nicht! Den Erlenkönig mit Kron‘ und Schweif. Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.“ Prof. Meyburg ist sich sicher: In der Ballade wird die Halluzination eines schwer kranken Kindes mit hyperaktivem Delir beschrieben. Betroffen vom Delir, dem akuten Verwirrtheitszustand sind vor allem sehr junge Kinder und hochaltrige Menschen. Diese Phasen gelten in der Medizin als vulnerabel, also besonders verletzlich.


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