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02.02.2018

Neues Buch über die Lebenslagen von Menschen mit Behinderungen


Das Buch „Aufbrüche und Umbrüche“ stellten Prof. Dr. Ingmar Steinhart, Dr. Ulrike Winkler, Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl und Michael Conty vor.

Zeitzeugin Anneliese Brasch, die über vierzig Jahre in Bethel gelebt hat, berichtet über ihren Alltag in Bethel.

Rund 100 Gäste besuchten die Lesung in der Neuen Schmiede. Fotos: Kreutner/Kleine.

„Aufbrüche und Umbrüche“ in Bethel

Im Bielefelder Verlag für Regionalgeschichte ist jetzt das Buch über die Lebenslagen von Menschen mit Behinderungen in Bethel seit den 1960er bis zu den 1980er Jahren erschienen. Die systematische wissenschaftliche Untersuchung stellt den Lebensalltag und die Lebensbedingungen in den damaligen v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel dar. Aus Akten, weiteren Archivalien und vor allem Zeitzeugen-Interviews ist eine profunde Entwicklungsgeschichte der Behindertenhilfe in Bethel entstanden, die zugleich einen Einblick in die gesamtgesellschaftliche Situation von behinderten Menschen ermöglicht. Beschrieben wird die Entwicklung vom fremdbestimmten Leben zu den Anfängen einer selbstständigeren Lebensführung: die Bewohner lernten, für ihre Interessen zu kämpfen. Zentrale Ziele seien Mobilität, Teilhabe und die Eroberung des öffentlichen Raums gewesen.

Die Autoren Dr. Ulrike Winkler und Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl stellten das Buch "Aufbrüche und Umbrüche" gemeinsam mit Bethel-Vorstand Prof. Dr. Ingmar Steinhart und Michael Conty, Beirat des Forschungsprojekts, bei einer Lesung in der Neuen Schmiede in Bielefeld-Bethel vor. Das Besondere an der umfangreichen, wissenschaftlichen Arbeit sei, so Steinhart, der Zugang und die Quellen. Ausgewertet worden seien nicht nur Aktenbestände Bethels, sondern auch die Überlieferung des evangelischen Fachverbandes für Behindertenarbeit in Berlin. Zudem seien 40 Interviews mit Bewohnern und Mitarbeitern geführt worden. Auf diese Weise sei eine "dichte Beschreibung", die einen Blick aus verschiedenen Perspektiven in die Häuser Bethels hinein erlaubt, gelungen. Schwerpunkte der Untersuchung bildeten die Zentren jeder Alltagsgeschichte: das Wohnen, die Arbeit und die Beziehung zum "anderen Geschlecht".

Die Autoren zeigen in dem Buch den Weg von der "totalen Institution" zur "Normalisierung". Neue Berufsgruppen – Psychologen, Heilpädagogen, Praktikanten, Zivildienstleistende – drangen in die bis dahin nach außen abgeschotteten Heimwelten vor. Sie verwirklichten gegen den zähen Widerstand altgedienter Kräfte Konzepte der Verselbstständigung geistig behinderter Menschen. In diesem Spannungsfeld gewannen die Bewohnerinnen und Bewohner neue Freiräume, um sich aus ihrer "unverschuldeten Unmündigkeit" zu befreien.


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