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07.05.2015

Neues mechanisches Verfahren hilft Schlaganfallpatienten


v.l.n.r.: Prof. Dr. med. Randolf Klingebiel, Prof. Dr. med. Wolf-Rüdiger Schäbitz und Christiane Marten, medizinisch-technische Radiologieassistentin (MTRA)

Mit diesem Drahtgeflecht wird das Blutgerinnsel in der Arterie umschlossen und herausgezogen. Fotos: Manuel Bünemann

Jetzt ist es wissenschaftlich belegt: Eine neue mechanische Schlaganfalltherapie wirkt. Von der Thrombektomie, so der Name des innovativen Verfahrens, werden auch in Ostwestfalen viele Patienten profitieren. Sie werden ihren Schlaganfall nicht nur überleben, sondern auch deutlich weniger oder gar keine Behinderungen davontragen. Das Ev. Krankenhaus Bielefeld (EvKB), in dem die Thrombektomie bereits mit Erfolg angewendet wird, hat die Methode im Hinblick auf den Tag des Schlaganfalls am Samstag vorgestellt.

Besonders profitieren die Patienten, die einen schweren Schlaganfall erlitten haben, bei dem eine große Arterie im Gehirn durch einen Blutpfropf verstopft wird. Schnell muss die Blockade entfernt werden, denn ohne Durchblutung sterben Gehirnzellen innerhalb weniger Stunden unwiederbringlich ab. Es drohen schwere Behinderungen wie Geh-, Sprech-, Seh- oder Schluckstörungen bis hin zum Tod des Betroffenen. „Mit der Thrombektomie überleben diese Patienten nicht nur, eine Behinderung kann dank dieses Verfahrens weitgehend verhindert beziehungsweise verringert werden“, sagt Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Schäbitz, Chefarzt der Klinik für Neurologie im EvKB.

Und das funktioniert so: Bei der Thrombektomie entfernen Neuroradiologen den Blutpfropf (Thrombus) mechanisch aus der Arterie. Das geschieht mit einem Katheter, den sie durch die Leiste bis in die betroffene Gehirnregion führen. Dort können sie das Blutgerinnsel mit einem Drahtgeflecht umschließen und bei Unterdruck durch die Leiste herausziehen, sodass das Blut wieder freie Bahn hat. „Bis zu sechs Stunden nach Auftreten der Symptome können wir diese Therapie durchführen“, erklärt Prof. Dr. Randolf Klingebiel, Chefarzt des Instituts für diagnostische und interventionelle Neuroradiologie im EvKB, einen weiteren Vorteil. Die Standardtherapie, bei der Neurologen ein Medikament geben, das den Blutpropf auflösen soll, kann nur innerhalb von 4,5 Stunden angewendet werden.

„Der Beleg über die Wirksamkeit zu diesem Verfahren ist bahnbrechend“, freut sich Prof. Dr. Schäbitz. „Insgesamt sechs Studien belegen, dass diese Therapie wirksam ist.“ Nachgewiesen erst jetzt, angewendet im EvKB bereits seit 2012 – für etwa fünf Prozent der Schlaganfallpatienten kommt die Thrombektomie in Frage. Das sind zirka 100 pro Jahr im Raum Bielefeld, wo das EvKB mit zwei speziellen Schlaganfallstationen (Stroke Units) im Haus Gilead I und im Johannesstift als einziges Krankenhaus über 2.000 Schlaganfallpatienten behandelt.

Nach wie vor ist der Faktor Zeit entscheidend: „Zeit ist Hirn“, sagt die Faustregel. Deshalb sind beide Ärzte froh, dass Lähmungserscheinungen, Sprachausfall oder halbseitige Sehstörungen heute in der Bevölkerung häufiger als Schlaganfälle erkannt werden als noch vor wenigen Jahren und die Betroffenen schneller ins Krankenhaus gebracht werden. Das ist auch ein Verdienst der Tage des Schlaganfalls, bei denen – wie am kommenden Samstag – auf diese Anzeichen sensibilisiert wird.

In Deutschland ereignet sich alle drei Minuten ein Schlaganfall. In Ostwestfalen-Lippe sind es 6.500 pro Jahr, in Bielefeld 1.070. Etwa jeder zehnte Schlaganfallpatient ist unter 30 Jahre, beinahe jeder zweite unter 60.

www.evkb.de/neurologie


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