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18.11.2019

Organspende- eine Entscheidung fürs Leben


Beim Kilinkforum diskutierten: (v.l.) Dr. Klaus Kobert, Dr. Ulrich Weller, Christina Hülsmann, Dr. Friedhelm Bach, Gabriele Gregor, Pastor Ulrich Pohl und Anita Wolf.

„Es gibt nur zwei Themen, über die es sich lohnt zu reden. Das ist die Liebe und der Tod. Deshalb ist die Auseinandersetzung über Organspende so bedeutsam, gewichtig und existentiell. Es geht hier nämlich um beide Themen.“ Mit diesem Zitat des Journalisten Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) wurde das letzte Klinikforum des EvKB in diesem Jahr in der Ravensberger Spinnerei eröffnet. Um die vielseitigen Aspekte, die in einer Diskussion zum Thema Organspende berührt werden zu repräsentieren, war das Podium fachkundig besetzt. Pastor Ulrich Pohl, Vorstandsvorsitzender der v. Bodelschwinghschen Stiftungen, Anita Wolf, Angehörige eines Organspenders, Christina Hülsmann, Empfängerin eines Spenderorgans, Gabriele Gregor, Koordinatorin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Dr. Hans-Ulrich Weller, Vorsitzender der Initiative Bielefelder Hausärzte, Dr. Klaus Kobert, leitender klinischer Ethiker im EvKB und Dr. med. Friedhelm Bach, hauptamtlicher Transplantationsbeauftragter im EvKB, der in einem Impulsvortrag die aktuelle Situation Organspende in Deutschland skizzierte.

Respekt vor der Freiheit

„Wir gehen von der Freiheit des Christenmenschen aus, das heißt, wir müssen unterschiedliche Positionen, also ein Ja oder ein Nein zu dieser Frage akzeptieren und respektieren. Das ist unsere christliche Einstellung“, erklärte Bethel-Chef Pastor Ulrich Pohl zum Auftakt der Veranstaltung. Wichtig ist, darin waren sich alle Podiumsteilnehmenden einig, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Aktuelle Situation

„Mehr als 80 Prozent aller Bundesbürger stehen in Umfragen einer Organspende positiv gegenüber, aber nur 35 Prozent haben einen Organspendeausweis. Diese Differenz macht sehr nachdenklich. Auf der Organ-Warteliste stehen knapp10.000 Menschen. Im vergangenen Jahr gab es 955 Organspender, die Tendenz ist gleichbleibend bis fallend. Täglich sterben drei Menschen in Deutschland, die auf einer Warteliste stehen“, referierte Dr. Friedhelm Bach. Die Analyse, warum in Deutschland so ein Missverhältnis herrscht, ist so Bach, zu folgenden Ergebnissen gekommen: „Angehörige wissen oft nicht, wie der Verstorbene zum Thema Organspende stand. Krankenhäuser sind nicht ausreichend auf mögliche Organentnahmen vorbereitet, man hat sich in der Vergangenheit zu wenig um die Angehörigen gekümmert und die Akzeptanz muss allgemein gesteigert werden.“
Die Gesetzgebung hat mittlerweile reagiert. Organspende-Kliniken werden gestärkt und verpflichtet, hauptamtliche Transplantationsbeauftragte wie Dr. Friedhelm Bach im EvKB zu haben. Es wird intensiver aufgeklärt, doch eine Entscheidung, ob zukünftig in Deutschland weiter das Zustimmungsprinzip oder eine Widerspruchslösung gelten wird, ist noch nicht gefallen (siehe Aktuelle Situation unten).

Erfahrung von Betroffenen:

„Ich bin in jedem Fall für eine Widerspruchslösung“, bekannte sich Anita Wolf mit der Begründung: „Ganz gleich wie sich jemand entscheidet, aber der Druck ist da, sich mit dem Thema zu beschäftigen.“ Als vor einigen Jahren Anita Wolfs Ehemann unerwartet verstarb, musste sie alleine entscheiden. „Wir hatten das Thema niemals angesprochen.“ Anita Wolf erbat sich Bedenkzeit, sprach mit Freunden und gab ihren Mann zur Organspende frei. „Ich habe erfahren, dass drei Menschen mit Organen meines Mannes weiterleben können. Das hat mich sehr getröstet.“ Die Dankbarkeit, die Menschen, die ein Organ erhalten, in sich spüren, strahlte auf dem Podium Christina Hülsmann aus: „Vor elf Jahren habe ich einen Leberlappen transplantiert bekommen, und das hat mein Leben gerettet. Ich habe vier Jahre auf der Warteliste gestanden. Und jetzt arbeite ich Vollzeit und muss am Tag ‚nur‘ fünf Medikamente nehmen. Ich feiere seit elf Jahren zweimal Geburtstag im Jahr.“

Zeit zum Gespräch

„Ich habe auch zwei Herztransplantierte in meiner Praxis, die auf der Sonnenseite sind. Natürlich wissen wir, dass es bei einer Transplantation massive Probleme geben kann. Wichtig sind in jedem Fall ausreichend Zeit für Gespräche, auch der Empfänger muss vorbereitet sein,“ erklärte Hausarzt Dr. Hans-Ulrich Weller, der aktuell drei Patienten behandelt, die auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen. „Wir wissen aus unserer Arbeit, positive Geschichten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir die Ängste nehmen müssen, die durch Organspendeskandale oder Horrorgeschichten geschürt wurden und werden. Transparenz steht für uns an erster Stelle“, so Gabriele Gregor von der Deutschen Stiftung für Organspende.

Würdevoller Abschied

„In den Gesprächen im Krankenhaus mit der Familie gemeinsam mit Ärzten, Therapeuten, der Seelsorge finden wir fast immer einen gangbaren Weg. Wenn der Verstorbene keinen Organspendeausweis hat, sich aber zu Lebzeiten mit seiner Familie unterhalten hat, gilt auch der vermutliche Wille des Verstorbenen“, so Dr. Klaus Kobert und Pastor Ulrich Pohl ergänzte: „Die Angehörigen müssen würdevoll Abschied nehmen können. Das muss gewährleistet sein, damit sich mehr Menschen mit dem Thema Organspende beschäftigen.“
„Aus diesen Erfahrungen sieht man, dass es fatal wäre, eine Transplantation unter Zeitdruck zu stellen“, unterstrich Dr. Bach. Es ist keine einfache Entscheidung, dennoch sollte sie getroffen werden. Das Podium war sich am Ende mehrheitlich einig: Eine doppelte Widerspruchslösung, wie in vielen europäischen Ländern, ist ein gangbarer Weg.

 

Aktuelle Situation:

Bisher ist man nur Organspender, wenn man sich aktiv einen Spenderausweis und stimmt der Spende zu Lebzeiten zustimmt.

Diskutiert wird derzeit die Widerspruchslösung:  Jeder ist Organspender, wenn er oder seine Angehörigen nicht aktiv widersprechen.

In einem Register festgehalten werden, ob jemand widersprochen hat. Gibt es keinen Eintrag, werden die nächsten Verwandten gefragt, ob ein schriftlicher Widerspruch vorliegt oder ein der Organspende entgegenstehender Wille“ bekannt ist, deshalb spricht man von doppelter Widerspruchslösung.  Die Angehörigen müssen ihre Angaben nicht belegen. 


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