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08.06.2015

Poetry Slammer Lars Ruppel in Bethel


Lars Ruppel begrüßte im Haus Abendstern Bewohnerinnen wie die 94-jährige Schwester Elisabeth Walter mit Poesie und „Weckworten“. Foto: Paul Schulz

„Weckworte“ für verborgene Erinnerungen

Lars Ruppel geht durch den Kreis. Sanft berührt er die Hände der Seniorinnen, schaut ihnen tief in die Augen und rezitiert: Fontane, Tucholsky, Erich Fried oder Heinz Erhard. Er spricht nur kurze Gedicht-Ausschnitte, zaubert aber ein Lächeln in ausdruckslose Gesichter. Der 30-jährige Poetry Slammer weiß mit seinen Worten durchzudringen. Denn er weckt Erinnerungen bei den Bewohnerinnen von Haus Abendstern in Bielefeld-Bethel.

Einige Bewohnerinnen der Betheler Altenhilfe-Einrichtung sind an Demenz erkrankt. Sie sprechen die bekannten Gedichtzeilen begeistert mit, während sie die Hand von Lars Ruppel halten. Körperkontakt und eine direkte Ansprache findet der Berufs-Poet im Umgang mit Menschen, deren Emotionen mit fortgeschrittener Erkrankung oft verloren gingen, sehr wichtig.

„Weckworte“ heißt das Poesie-Projekt, das Lars Ruppel speziell für Menschen mit einer Demenz entwickelt hat. Der erfolgreiche Poetry Slammer und Deutsche Meister von 2014 weiß, welche Macht Worte besitzen. Das werde einem besonders bewusst, wenn sie fehlten, erklärte er jetzt in dem „Weckrufe“-Workshop der Fachhochschule der Diakonie (FHdD) in Bethel. Viele Menschen mit Demenz würden diesen Zustand mit zunehmender Schwere ihrer Erkrankung erreichen. Während alltägliche Themen die Menschen nicht mehr erreichten, würden einige bestimmte Worte noch zu ihnen durchdringen – zum Beispiel in Form von Poesie.

Die teilnehmenden FHdD-Studierenden sowie Auszubildende und Experten unterschiedlicher Pflegeberufe sollen künftig mit ihren eigenen „Weckworten“ arbeiten können. Lars Ruppel hat ihnen die „Weckworte-Techniken“ veranschaulicht, bevor die Abendstern-Bewohner für eine praktische Erprobung hinzukamen. In seinen „Sessions“ geht es darum, ohne viel Vorwissen demenzkranken Menschen Gedichte so lebendig wie möglich vorzutragen. Voraussetzung ist eine gewisse Bekanntheit der Poesie. Viele der Texte kennen die älteren Menschen aus früheren Tagen. Darum können sie unvermittelt einsteigen, mitsprechen oder -klatschen.

Weckrufe-Nutzer dürften die oft viel zu langen poetischen Texte ohne schlechtes Gewissen kürzen, so Lars Ruppel. „Fontane verzeiht es ihnen, wenn sie seine Gedichte für diese Zwecke nur teilweise vortragen. Es geht vor allem darum, ein schönes Gefühl zu vermitteln.“


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