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19.02.2020

Systemsprenger: Ausgrenzung ersparen und Eltern einbeziehen


Prof. Dr. Michael Siniatchkin (v. l.), Prof. Dr. Christina Stadler, Prof. Dr. Kerstin Konrad, Prof. Dr. Mathias Schwabe, Prof. Dr. Anja Görtz-Dorten, Prof. Dr. Gunter Groen, Prof. Dr. Ingmar Steinhart und Andreas Wilke waren sich einig, dass ein Umdenken und Verlassen der gewohnten Strukturen, unbedingt notwendig ist.

Volles Haus: Rund 260 Gäste folgten der Einladung zum Symposium Systemsprenger in der Neuen Schmiede.

Sie präsentierten in Workshops erfolgreiche Angebote der Jugendhilfe des Stiftungsbereichs Bethel.regional (v. l.): die Bereichsleiter Volker Giesen, Michael Eskau und Klaus Naerdemann. Fotos: Paul Schulz

Symposium in der Neuen Schmiede

Systemsprenger, Problemjugendliche, Grenzgänger – alles Umschreibungen für Kinder und Jugendliche, die ihre Eltern, Lehrer, Polizei, Justiz und Pflegepersonal in den Kliniken oder Betreuer in der Jugendhilfe ganz besonders an die Grenzen von Therapie, Beratung und Betreu­ung bringen.

Kinder und Jugendliche mit aggressivem und herausforderndem Verhalten zu verstehen, sie adäquat zu behandeln und zu versorgen – damit beschäftigten sich rund 260 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des „Symposiums Systemsprenger“ am vergangenen Freitag. Organisiert wurde die Fachtagung in der Neuen Schmiede in Bielefeld-Bethel von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psycho­therapie im Evangelischen Klinikum Bethel und der Jugend­hilfe Bethel. Neben Fachvorträgen gab es pra­xisnahe Workshops.

In ihren Fachvorträgen beleuchteten Expertinnen und Experten aus Köln, Hamburg, Aachen, Berlin, Basel und Bethel das hochbrisante, sehr aktuelle Thema aus verschiedenen Blickwinkeln. „Wir beobachten eine steigende Aggression, die uns immer mehr herausfordert“, betonte Prof. Dr. Michael Siniatchkin, Chefarzt der Kinder- und Jungendpsychiatrie. „Es gibt kein Patentrezept und wir müssen viel früher und mit individuellen Lösungen dafür sorgen, diesen jungen Menschen die Ausgrenzung zu ersparen. Die Hilflosigkeit ist für uns alle ein großes Thema.“

Prof. Dr. Christina Stadler, Professorin für Entwicklungspsychopathologie an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, beleuchtete die gängigen Behandlungsmethoden unter der Fragestellung, wo eine effektive Behandlung ansetzt. So habe das Elterntraining eine hohe Evidenz und sollte nach ihrer Auffassung unbedingt Teil der Behandlung sein. „Wir müssen die Kompetenz der Eltern stärken“, appellierte sie an das Fachpublikum. „Wir schaffen es nicht ohne sie.“

Mehr Elternkompetenz, mehr Problemlösetrainings für Kinder – aber wie, wenn es an Therapieplätzen mangelt und eine klassische „face-to-face“ Therapie an Grenzen stößt oder gar nicht möglich ist? Prof. Dr. Anja Görzt-Dorten, Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie an der Uniklinik Köln, zeigte die Möglichkeiten einer digital unterstützen Psychotherapie auf. Sie stellte unter anderem das Programm ScouT (Soziales computerunterstütztes Training für Kinder mit aggressivem Verhalten) vor, das verschiedenen Technologien beispielsweise Filme oder Computer einsetzt und bei dem in einer Studie eine deutliche Verringerung der Aggression nachgewiesen werden konnte.

Die Expertinnen und Experten waren sich einig, dass ein Umdenken und Verlassen der gewohnten Strukturen, unbedingt notwendig ist, um Kinder und Jugendliche mit aggressivem und herausforderndem Verhalten zu versorgen. Denn wenn sie bei einer schweren Störung des Sozialverhaltens nicht behandelt werden, hat das weitreichende Folgen: Drogenkonsum, Teeangerschwangerschaften, fehlenden Schulabschluss, schwere gesundheitliche Probleme, Depressionen bis hin zu einer antisozialen Persönlichkeitsstörung. Ein Teufelskreis, den es unbedingt zu durchbrechen gilt.


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