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23.04.2015

Von den Chancen und Risiken, auf Suchtkranke zu vertrauen


(v.l.): Dr. Martin Reker, Carmen Mucha und Privatdozent Dr. Hans-Jürgen Rumpf waren die Referenten am Donnerstagvormittag.

Fotos: Schulz

Kongress für gemeindeorientierte Suchttherapie

Die Selbstheilungskräfte suchtkranker Menschen stehen im Fokus des diesjährigen Kongresses für gemeindeorientierte Suchttherapie am 23. und 24. April in Bethel. Denn in Fachkreisen ist man sich einig, dass die Sucht nur durch Maßnahmen hoch qualifizierter Fachkräfte in Spezialkliniken oder Beratungsstellen möglich ist. Doch das ist falsch.

Wissenschaftliche Studien der Universität Lübeck untermauern, auch ohne profesionelle Behandlung ist dauerhafte Abstinenz möglich. Die Rate der Selbstheilungen bei Alkoholabhängigkeit liegt in Deutschland bei über 50 Prozent, so die Studie. In Amerika und Kanada ist sie sogar noch höher. Diese Erkenntnisse stellen die bisherigen Glaubenssätze der Suchttherapie infrage. „Alkoholsucht wächst sich nicht aus“ und „Alkohol ist zu 100 Prozent tödlich“ sind Lehrmeinungen, die lange Zeit nicht angezweifelt wurden. Noch 2008 ist im Gesundheitsbericht des Bundes nachzulesen: „Unbehandelt führt Alkoholabhängigkeit meist zum Tod“.

Zweifel an den Einschätzungen seien aber schon in den 60er Jahren aufgekommen, betont Privatdozent Dr. Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck in seinem Vortrag. „Untersuchungen von Vietnam-Veteranen hatten ergeben, dass die, die während ihres Kriegseinsatzes in Vietnam drogenabhängig waren, keine Drogen mehr nahmen, als sie zurück in Amerika waren. Die Sucht war von alleine ausgeheilt“. Die Selbstheilung von Suchtkranken müsse Konsequenzen für die professionelle Behandlung haben, fordert Dr. Rumpf. Die Behandlung müsse entstigmatisiert und das Gefühl der Selbstwirksamkeit des Patienten gestärkt werden. „Das Behandlungssystem muss pro-aktiv werden, das heißt auf die Suchtkranken zugehen und nicht umgekehrt.“ Aber das Schwierigste sei, dass die Patienten nicht das Gefühl haben dürften, in Behandlung zu sein. 

Rund 220 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind zum 5. Kongress für gemeindeorientierte Suchttherapie ins Assapheum in Bethel gekommen. Neben dem Vortrag von Priv.-Doz. Dr. Hans-Werner Rumpf hörten sie am Donnerstagvormittag noch Referate von der Ergotherapeutin Carmen Mucha über unkonventionelle Wege in Arbeit und Beschäftigung, von dem Diplom-Psychologen Dr. Wolfgang Settertobulte zum Thema „Jugend und Sucht“ sowie Ausführungen vom Gastgeber und Suchtexperten Dr. Martin Reker über Krankheit, Tod und Sucht. Die Veranstaltung wurde vom Verein für gemeindeorientierte Psychotherapie in Bethel organisiert.


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