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Aufgewachsen im falschen Körper

Transgender-Behandlungen nehmen stark zu

Einmal richtig aus sich ‘rauskommen – diese Redewendung geht so leicht über die Lippen. Für Max Leweling ist es der zentrale Satz seines Lebens. „Ich wollte aus mir ‘rauskommen“, sagt der heute 18-Jährige mit der rauen Stimme eines jungen Mannes. Genau genommen ist Max keine zwei Jahre alt. Bis zum 24. Juli 2018 hieß Max noch Franka – und war ein Mädchen. Er gehört zu den Menschen, die im falschen Körper mit einer Geschlechtsinkongruenz geboren wurden. Im Kinderzentrum Bethel finden Transgender, wie Max, die Hilfe, die sie brauchen. Seit einem Jahr bekommt er dort einmal monatlich die Testosteron-Spritzen.

„Ich wusste schon im Kindergarten, dass etwas nicht stimmt, ich wusste nur nicht was. Es hat sich angefühlt, als ob der Kopf nicht zum Körper gehört“, versucht Max Leweling zu erklären, was er sich selbst jahrelang nicht recht erklären konnte. „Ich dachte schon, ich sei vielleicht verrückt.“

Dr. Norbert Jorch behandelt Max Leweling im Kinderzentrum Bethel. Gut 30 Transgender suchen jährlich seine Hilfe.
Dr. Norbert Jorch behandelt Max Leweling im Kinderzentrum Bethel. Gut 30 Transgender suchen jährlich seine Hilfe.

Es ist dieses wachsende Unbehagen in Bezug auf das eigene biologische Geschlecht, das alle Transgender durchleben. Viele bevorzugen schon im frühen Kindesalter die Kleidung, Spiele und das Rollenverhalten des jeweils anderen Geschlechts. Zudem wird der Wunsch, auch die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale anzupassen, immer stärker. Spätestens mit der beginnenden Pubertät und den einsetzenden körperlichen Veränderungen wird das Leben im falschen Körper dann unerträglich. „Der Leidensdruck der Patienten ist extrem hoch“, berichtet Dr. Norbert Jorch, der als Endokrinologe am Kinderzentrum Bethel die Hormontherapien für Transgender durchführt. „Und dieser Druck führt nicht selten zu Depressionen, Eigenverletzung oder sogar Suizidität“, beschreibt der Mediziner die Auswirkungen des sozialen Stresses, unter dem die Betroffenen leiden.

Gut 30 Transjungen und Transmädchen behandelt Dr. Norbert Jorch derzeit. Das Kinderzentrum Bethel ist für sie die einzige Anlaufstelle in Ostwestfalen. Die Fallzahlen sind seit zwei Jahren extrem angewachsen. Waren es früher meist Jungen, die zum Transmädchen wurden, hat sich das Verhältnis inzwischen komplett umgekehrt.

Max Leweling will anderen Transgendern Mut machen und berichtet über seine Geschichte auf YouTube und Instagram.
Max Leweling will anderen Transgendern Mut machen und berichtet über seine Geschichte auf YouTube und Instagram.

Ein Wechsel des Geschlechts ist in Deutschland an hohe Hürden geknüpft. Denn ab der einsetzenden Hormontherapie sind die Geschlechtsveränderungen irreversibel. „Ich muss mir darum sehr sicher sein, dass der Umfang dieses Schrittes von den Beteiligten verstanden wird“, erklärt Dr. Norbert Jorch. Zudem müssen vorher unzählige Anträge gestellt und psychologische Gutachten eingeholt werden.

Auf die Testosteronspritzen wird Max Leweling ein Leben lang angewiesen sein. Eine erste Operation für eine männliche Brust hat er bereits hinter sich. Mit den Operationen für die primären Geschlechtsteile will der junge Mann aber noch ein paar Jahre warten. Sogar Sex wird dann möglich sein, doch die Zeugungsfähigkeit ist für immer verloren. „Zweifel hatte ich aber nicht eine Sekunde, es gab nie einen Plan B“, sagt Max Leweling. Stattdessen will er mit seiner Geschichte andere erreichen, die nicht mehr in ihrem Körper stecken wollen. Auf YouTube („LoyalMax“) und Instagram („mxlxwx“) hat er eigene Kanäle, auf denen er über Transsexualität berichtet. Vielen Betroffenen macht er Mut, den lebensverändernden Schritt zu gehen: „Angst hatte ich nie. Es ist mein Leben, und ich kann so leben, wie ich will.“

Fotos: Christian Weische

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