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15.05.2015

20 Jahre Studienreise nach Majdanek


Der Weg der Ehre in der KZ-Gedenkstätte Majdanek.

Der Geschichts-Leistungskurs aus Bethel mit begleitenden Lehrerinnen und Lehrern in der Gedenkstätte Auschwitz.

Juliette Eckstein (v. l.), Hana Pfeiffer und Paula Mamerow lernen Sobibor kennen.

Marlon Dreisewerd (v. l.), Lehrer Wolfgang Potthoff, Cedric Czekalla und Henri Hilker informieren sich in Majdanek. Fotos: Paul Schulz

Den Nummern Namen geben

Majdanek/Bielefeld-Bethel. Es wird wohl eine Weile dauern, bis sie alle Eindrücke verarbeitet haben – die 14 Schülerinnen und Schüler der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schulen in Bielefeld-Bethel. Im März waren sie für zehn Tage in Polen. Im Rahmen eines Geschichtsleistungskurs-Projekts informierten sich die Elftklässler über die Verbrechen der Nationalsozialisten in dem Nachbarland. Sie hatten Gelegenheit, mit einer Zeitzeugin zu sprechen. Und sie besuchten die KZ-Gedenkstätten in Auschwitz, Majdanek und Sobibor.

An den Orten zu stehen, wo die Verbrechen geschehen sind, ist etwas ganz anderes, als darüber in Schulbüchern zu lesen. Dann werden aus Nummern Namen, und die Gräuel erhalten Gesichter. Gut vorbereitet auf das, was sie erwartete, machte sich die Schulgruppe auf den Weg, um mehr über das dunkle Kapitel deutscher Geschichte zu erfahren. „Ich habe mich relativ offen auf das Thema eingelassen“, sagt Marlon Dreisewert, der mit zwei Mitschülern historische Quellen zur Lage der Kinder im Konzentrationslager untersuchte. „Wenn man sich die Situation der Kinder im KZ vor Augen führt, stellt sich vor allem die Frage nach der moralischen Schuld.“

Als Achtjährige wurde Stanislawa Kruszewska in das KZ Majdanek deportiert. Die Schüler haben sich mit der Zeitzeugin unterhalten. „Die Chancen zu überleben hingen stark davon ab, wie alt die Kinder waren, welcher Ethnie und welcher Religion sie angehörten“, unterstreicht Cedric Czekalla. „Unsere Zeitzeugin ist Polin. Sie kam nach sechs Monaten wieder aus dem Lager heraus. Jüdische Kinder überlebten in der Regel nicht.“ Schwer zu ertragen findet Henri Hilker die Vorstellung von dem Schicksal der Kinder im KZ. „Die haben nicht gespielt und nicht gelacht. Die hatten keine Zukunft. Das sind viele ungelebte Leben.“

Die Schülerinnen und Schüler besuchten während der Projektreise unter anderem auch das ehemalige jüdische Getto in Warschau und das Museum in der Emaille-Fabrik von Oskar Schindler in Krakau. Und sie fuhren nach Auschwitz. Der Name symbolisiert wie kein zweiter den Holocaust und die Massentötungen in den Gaskammern. Das Stammlager mit seinem Außenlager Birkenau wurde von 1940 bis 1945 von der SS betrieben. Sie ermordeten in der Zeit mehr als eine Million Menschen. In ihrer Dokumentation im Internet schreiben die Schüler Linus Wendland und Maximilian Heinrich über den Besuch: „Das Ausstellen von zirka zwei Tonnen Frauenhaar oder von unzähligen Schuhen eröffnete uns einen kleinen Einblick in das ungefähre Ausmaß des Holocaust. Der Besuch der ersten Gaskammern und der Krematorien ließ uns an der Menschheit zweifeln.“

Die Gedenkstätte Auschwitz ist wegen ihres Konzepts als Ausflugsziel nicht unumstritten. „Disneyland des Todes“, ätzt beispielweise der deutsche Publizist Henryk M. Broder gegen den Massentourismus in Auschwitz. Und auch einige Gymnasiasten aus Bethel fanden kritische Worte. „Vor der Gedenkstätte reihten sich die Reisebusse aneinander. Im Minutentakt wurden die Touristengruppen durchgeschleust“, berichtet Cedrik Czekalla. Juliette Eckstein vermisste Ruhe und die Möglichkeit der Besinnung. „In Auschwitz sind nur Gruppen zugelassen. Man muss dem Guide überallhin folgen, auch wenn man nicht will.“ Besser aufgehoben und selbstbestimmter fühlten sich die Schüler in der Gedenkstätte Majdanek. Dort konnten sie die Eindrücke im angegliederten pädagogischen Zentrum verarbeiten und ihr Wissen vertiefen.

„Majdanek gehörte zu den vergessenen Gedenkstätten. Vor zwanzig Jahren hat die erste Schülergruppe der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schulen ganz bewusst eine weniger bekannte Gedenkstätte für einen Besuch ausgesucht“, betont Wolfgang Potthoff, Geschichtslehrer und Organisator der Studienreise. Die Tradition ist geblieben und macht auch heute noch Sinn. Denn bei den Besuchen geht es nicht nur um das Erinnern an die Naziverbrechen, sondern vielmehr um das Gedenken an die unzähligen namenlosen Opfer. An den Tatorten erleben die Besucherinnen und Besucher die Schicksale der Getöteten unmittelbar. „Die Gedenkstätte Majdanek setzt im Gegensatz zu Auschwitz weniger auf schockierende Elemente als vielmehr auf Information“, sagt Juliette Eckstein, die mit zwei weiteren Mitschülerinnen schwerpunktmäßig das Thema „Sobibor“ bearbeitete.

Sobibor ist ein Ort in Ost-Polen nahe der Grenze zur Ukraine. Die Nazis errichteten dort ein Lager, das nur einen einzigen Zweck verfolgte: die Vernichtung der Juden. Noch während des Krieges bauten sie die Todesfabrik wieder ab und pflanzten Bäume auf den Tatort. Erst vor wenigen Jahren wurde das Lager entdeckt. Seitdem graben Archäologen an der Stätte und fanden auch Überreste der Gaskammern. „Die Gegend ist wunderschön. Als wir dort waren, schien sogar die Sonne. Und dann ist da diese Rampe, wo die Deportationszüge ankamen“, beschreibt Hanna Pfeiffer den Kontrast zwischen Idylle und Grauen. „Dieser Widerspruch hat uns sehr berührt“, betont Paula Mamerow. Kontaminierte Landschaften würden solche Regionen genannt, die zwar harmlos aussähen, aber wo doch etwas Entsetzliches passiert sei. Nach wie vor ist es wichtig, zu wissen, dass es sie gibt.

Ihre Erfahrungen und Rechercheergebnisse dokumentieren die Schülerinnen und Schüler in einer Ausstellung. An der Konzeption ist auch ein weiterer Geschichtsleistungskurs der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schulen beteiligt, der die Gedenkstätte Buchenwald in Thüringen besucht hatte. Die Eröffnung der Ausstellung in der Bielefelder Synagoge „Beit Tikwa“ findet am 19. Mai um 19 Uhr statt.


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