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29.11.2013

30 Jahre Theaterwerkstatt Bethel


Das 30-jährige Jubiläum feierte Matthias Gräßlin (r.), Leiter der Theaterwerkstatt, unter anderen mit (v. l.) Bethel-Geschäftsführer Hans-Gerd Daubertshäuser, Bielefelds Kulturdezernenten Dr. Udo Witthaus und Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker, Universität Hamburg, sowie Angela Quack und Nicole Zielke vom Forschungszirkel „Inklusive Räume“. Foto: Reinhard Elbracht

Intermezzo während des Fachtags: Zwei Schauspieler stießen auf die „Revolution der Inklusion“ an. Foto: Reinhard Elbracht

Wer seiner Welterfahrung künstlerisch auf den Grund gehen will, findet in der Theaterwerkstatt den passenden Freiraum. Foto: Theaterwerkstatt Bethel

Die Theaterwerkstatt vereint unterschiedlichste Akteure. Ihre Vielfalt ist ein großes künstlerisches Potenzial. Foto: Reinhard Elbracht

Das Theater der Vielfalt lebt Inklusion – schon immer

Bielefeld-Bethel. Man muss keinen guten Schulabschluss haben, nicht schlank noch schön sein, man muss nicht gut reden können oder ein Schnelldenker sein. Das Einzige, was man muss, ist … mitmachen wollen. Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker von der Universität Hamburg brachte in der Theaterwerkstatt Bethel auf den Punkt, was das Volxtheater ausmacht. Das „Theater aus dem Volk für das Volk“ ist der künstlerische Kern der Theaterwerkstatt Bethel. Sie feierte jetzt ihr 30-jähriges Bestehen mit verschiedenen Veranstaltungen und Aktionen. Die Fachtagung „Das Theater der Vielfalt – Inklusive Räume“ war der „letzte Akt“ im Jubiläumsjahr 2013.

„Volxtheater ist inklusiv: Jeder und jede kann mitmachen, und alle gehören dazu und dürfen mitentscheiden“, so Prof. Sturzenhecker. Alle Mitspielerinnen und –spieler seien Experten. „Auch, wenn sie das allererste Mal mitmachen. Denn ihre Lebenserfahrung gilt. Auch wenn sie noch jung sind.“ Für die Zuschauerinnen und Zuschauer entstehe dadurch etwas, dass sie so vorher noch nicht gesehen hätten. „Weil die Theaterstücke so ungewöhnlich sind, kann ich nicht einfach wiedererkennen, was ich vorher schon kannte. Dann werde ich unsicher und muss neu klären, was ich denken und machen will. Ich kann also im Volxtheater etwas Neues lernen und mich dabei neu kennen lernen.“ Jede Zuschauerin und jeder Zuschauer mache sich so das eigene Stück. „Indem man zusieht, handelt man selbst.“

Die Theaterwerkstatt Bethel vereint unterschiedlichste Akteure und unterschiedlichste Zuschauer. Über diese inklusive Vielfalt und ihre Wirkungen diskutierten über 60 Kunstschaffende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Fachkräfte und Kooperationspartner aus Deutschland und Österreich. Neben Fachvorträgen und Austausch standen auf dem Programm auch ein Theaterabend mit verschiedenen Volxtheater-Ensembles und ein offener Werkstattabend. Zu der dreitägigen Veranstaltung hatte die Theaterwerkstatt gemeinsam mit der Fachhochschule der Diakonie eingeladen. Die Fachhochschule der Diakonie, die Fachhochschule Bielefeld sowie die Universitäten Bielefeld und Leipzig begleiten die Arbeit der Theaterwerkstatt wissenschaftlich und werten die Erfahrungen in einem interdisziplinären Forschungsprojekt zum Thema „Inklusive Räume“ aus.

Das Thema „Inklusion“ ist heute in vielen Bereichen der Gesellschaft angekommen. Die Theaterwerkstatt Bethel habe Inklusion schon zu einer Zeit verwirklicht, als man das Wort noch gar nicht habe buchstabieren können, stellte Hans-Gerd Daubertshäuser augenzwinkernd fest. In der Theaterwerkstatt setze man die Betheler Vision vom selbstverständlichen Zusammenleben aller Menschen beispielhaft um, unterstrich der vorsitzende Geschäftsführer von „Bethel.regional“. Jährlich kommen rund 700 Akteure unter fachlicher Anleitung in den Workshops und Inszenierungen zusammen. Und rund 5.000 Zuschauerinnen und Zuschauer besuchen die Vorstellungen. Zu Recht habe der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen Hubert Hüppe die Theaterwerkstatt Bethel auf seine Inklusions-Landkarte gesetzt – exemplarisch für verwirklichte Inklusion, so Hans-Gerd Daubertshäuser.

Den besonderen Ansatz der Theaterwerkstatt würdigte auch der Kulturdezernent der Stadt Bielefeld, Dr. Udo Witthaus. Er verwies zugleich auf das Engagement der Betheler Theaterschaffenden in städtischen Kooperationen. Matthias Gräßlin, Leiter der Theaterwerkstatt, habe sehr intensiv an der Kulturentwicklungsplanung mitgearbeitet. Ein wesentlicher Aspekt sei dabei die Wahrnehmung von Vielfalt gewesen.

Die Theaterwerkstatt Bethel wurde 1983 von der Theaterpädagogin Else Natalie Warns gegründet. Matthias Gräßlin leitet sie seit 1994. Ihm ist es wichtig, die individuellen Interessen der Mitwirkenden aufzugreifen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die ein „gemeinsames Experimentieren im künstlerischen Prozess“ vorantreiben. „Menschen, die ihrer Welterfahrung künstlerisch auf den Grund gehen möchten, sollen in der Theaterwerkstatt Freiraum und Schutzraum zugleich finden. Jenseits des Alltags und seiner Zwänge sollen sie zur Ruhe kommen können, spüren, was existenziell anliegt und die Freiheit genießen, dem schöpferischen Drang nachzugehen und um angemessene Formen des Ausdrucks zu ringen.“ Dabei gehe es nicht nur um das eigene Wohlbefinden, sondern auch darum, anderen Zeichen und Bilder zu geben. „Sie regen zur Reflexion an, konfrontieren, inspirieren und bereichern!“ Je unterschiedlicher, je vielfältiger die Mitwirkenden seien, desto größer sei ihr Potenzial für neue künstlerische Ergebnisse.


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