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27.03.2019

9. CRA-Kongress in Bielefeld-Bethel


Gemeinsam mit Gastgeber Dr. Martin Reker (v. l.) eröffneten Dr. Sven Speerforck, Diplom-Psychologin Nina Meseke, Dr. Thomas Reuster, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Städtischen Klinikum Görlitz, und Ute Peters den 9. CRA-Kongress.

Mehr als 300 Gäste aus ganz Deutschland waren für die Veranstaltung ins Assapheum nach Bielefeld-Bethel gekommen. Fotos: Christian Weische

Neue Blickwinkel auf den Suchtbegriff

 Bielefeld-Bethel. Sind Süchtige krank? Und wann wird Konsum zur Sucht? Über neue Herangehensweisen an den Suchtbegriff, verschiedene Definitionen und aktuelle Forschungsergebnisse zum Thema Sucht informierten sich Ende März mehr als 300 Teilnehmer aus ganz Deutschland beim 9. CRA-Kongress in Bielefeld-Bethel. CRA steht für Community Reinforcement Approach und wird mit „gemeindeorientierter Suchttherapie“ übersetzt. Bei dem aus den USA stammenden Behandlungskonzept wird versucht, Suchtkranke durch Belohnung und sinnstiftende Ziele zur Abstinenz zu motivieren.

Einigkeit unter den Referenten herrschte darüber, dass die Bedeutung von Sucht immer auch eine Frage des Blickwinkels ist. Was als „Sucht“ gewertet werde, könne abhängig von historischen, geografischen und gesellschaftlichen Faktoren variieren. Ebenso spiele es eine Rolle, ob man den Begriff aus Sicht von Betroffenen, Medizinern, Angehörigen oder Außenstehenden betrachte.

Dr. Sven Speerforck von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Greifswald thematisierte die Stigmatisierung von Suchtkranken durch die Gesellschaft. Zur Verdeutlichung des Problems stellte er verschiedene Umfrageergebnisse über die Wahrnehmung des Suchtbegriffs vor. „Alkoholismus wird im Vergleich zu einer Depression oder einer Schizophrenie von den Befragten deutlich seltener als psychische Krankheit im medizinischen Sinne gewertet“, so Dr. Speerforck. Auch die gesellschaftliche Ablehnung und das Bedürfnis nach sozialer Distanz seien gegenüber Alkoholikern besonders ausgeprägt.

Ein Grund dafür sei, dass mit Suchtkranken eine Vielzahl an Stereotypen – etwa Faulheit oder Ungepflegtheit – verbunden würden. Das führe dazu, dass Süchtige als Randgruppe betrachtet, gemieden und diskriminiert werden. „Es darf nicht abstoßend sein, das Label des Suchtkranken zu bekommen“, sagte Sven Speerforck. Nicht Abwertung und Ausgrenzung, sondern die Ermutigung und Befähigung zur Selbsthilfe und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben müssten im Mittelpunkt der Behandlung und des öffentlichen Umgangs stehen.

Auch Dr. Martin Reker forderte, Betroffenen eine faire Chance zu geben. Der Leiter der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen im Ev. Klinikum Bethel war derjenige, der den Community Reinforcement Approach als erster Arzt im deutschsprachigen Raum einführte. Zentraler Ansatz des CRA sei die Annahme, dass es für jeden Menschen einen Platz auf der Welt gebe – egal ob süchtig oder nicht. Wer diesen Platz nicht selber finde, dem müsse bei der Suche geholfen werden. Das, so Martin Reker, sei keine rein medizinische Aufgabe. „Wenn Sinnstiftung und lohnenswerte Ziele zum Schlüssel einer gelingenden Suchtbewältigung werden, sind alle gefragt, die gesellschaftliche Verantwortung übernommen haben.“

Passende Rahmenbedingungen, Sicherheit und Geborgenheit seien entscheidende Faktoren für die Abstinenz – doch gerade diese Rahmenbedingungen würden vielen Betroffenen fehlen. Wer stets unter Anspannung stehe und unter belastenden Umständen lebe, aber keinen sozialen Rückhalt habe, suche nach anderen Möglichkeiten, das eigene Leben erträglich zu halten. Für Manche seien Betäubungsmittel „der einzige Weg, um zwischendurch mal etwas Pause haben zu können“, so Martin Reker. Er plädierte für eine Suchtarbeit, die ihren Fokus dort hat, wo die betroffenen Menschen leben und verwurzelt sind. Sie solle Stärken und Ressourcen fördern und Menschen nicht über Defizite definieren, sondern ihnen Mut machen, ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen.


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