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28.07.2010

Afrikanische Hebamme besucht Betheler Frauenklinik


Was für ein Wonneproppen: Hebamme Claudia Ostermann und Esres Kakuru freuen sich über den neuen Erdenbürger. Foto: Reinhard Elbracht

Auch homöopathische Mitteln werden in der Betheler Frauenklinik eingesetzt. Hebamme Christine Anger zeigt ihrer afrikanischen Kollegin Esres Kakuru die große Auswahl. Foto: Paul Schulz

Auch ein Hörrohr kann weiterhelfen 

Bielefeld-Bethel/Nyakahanga. Zacken und Kurven sausen über den Zettel. Hebamme Christine Anger, die seit 21 Jahren in der Betheler Frauenklinik arbeitet, wirft einen routinierten Blick auf die Papierschlange, die vom CTG ausspuckt wird. Das Gerät misst die Wehentätigkeit einer Schwangeren und zeichnet zugleich die Herztöne des Kindes im Mutterleib auf. „Das sieht gut aus“, beruhigt Schwester Christine die werdende Mutter. Esres Kakuru, die sonst als Hebamme in Tansania arbeitet, schaut ihrer deutschen Kollegin zu. Einen Monat lang hospitiert sie im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld (EvKB). 

Bereits seit 16 Jahren gibt es eine Partnerschaft zwischen dem EvKB und dem Krankenhaus in Nyakahanga im Nordwesten Tansanias. Das Hospital verfügt über rund 200 Betten und ist für einen Distrikt mit rund 400 000 Einwohnern zuständig. Ein Arbeitskreis in Bethel unterstützt es mit Geld- und Sachspenden. Regelmäßig gibt es auch einen Austausch zwischen den Partnern.  

Esres Kakuru findet es sehr interessant, die völlig verschiedenen Arbeitsbedingungen kennenzulernen. „Aber vieles von dem, was ich hier sehe, werde ich nicht praktizieren können. Die Situation in unserem Krankenhaus ist ganz anders“ erzählt die 40-jährige Hebamme. „Wir haben gar kein CTG. Ich nehme ein Hörrohr und zähle den Puls des Babys. Außerdem kann man auch viel ertasten.“  

Mehr als 3 000 Kinder kommen jedes Jahr in dem Krankenhaus von Nyakahanga auf die Welt. In der Betheler Frauenklinik sind es rund 1400. Während die Schwangeren hier wählen können, ob sie ihr Kind in einem bequemen Bett, einer großen runden Badewanne oder auf dem Boden hockend zur Welt bringen wollen, ist es in der Klinik in Tansania üblich, während der Entbindung auf einer schmalen Pritsche zu liegen. „Der Kreißsaal ist ein kleiner Raum mit Betonboden. Für die Frauen gibt es einfache Liegen, die man auch nicht in der Höhe verstellen kann“, erinnert sich Christine Anger, die einmal in Nyakahanga zu Gast war.

Bis zu sechs Frauen können in dem Kreißsaal betreut werden. „Aber manchmal ist es sehr voll. Dann müssen die Schwangeren, bei denen der Geburtsvorgang noch nicht so weit vorangeschritten ist, den Raum wieder verlassen. Wer schon Presswehen hat, bekommt den Platz“, erzählt Esres Kakuru. Medikamente oder eine Periduralanästhesie (PDA), mit der Wehenschmerzen gelindert werden können, gibt es nicht. „Die Frauen wollen auch keinen Kaiserschnitt. Der wird nur gemacht, wenn Mutter oder Kind gefährdet sind“, berichtet die Hebamme.

Ob eine Frau zur Entbindung in ein Krankenhaus geht, sei in Tansania abhängig von der Bildung und vom Alter der Frauen, weiß Esres Kakuru. „Die meisten Frauen wollen zu Hause entbinden. Aber es gibt ein Regierungsprogramm, um die Sicherheit zu erhöhen. Die Frauen können ohne eine Versicherung kommen. Sie müssen für die Geburt nichts bezahlen. Vor allem die Jüngeren nutzen das Angebot“, erklärt sie. Seither sei auch die Sterblichkeit etwas zurückgegangen. Und das sei bitter nötig.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von einer hohen Müttersterblichkeit in Tansania aus. Bei 100 000 Geburten überleben 578 Frauen nicht. In Deutschland sind es 5. Hier sterben 4 von 1000 Kindern in den ersten vier Wochen nach der Geburt. In Tansania sind es 32. In den afrikanischen Nachbarstaaten südlich der Sahara sieht es noch schlimmer aus. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gibt die Zahl der Frauen, die während der Entbindung sterben, mit 950 bei 100 000 Geburten an.

Hinzu kommt die AIDS-Problematik. „Bei uns werden alle Schwangeren vor der Entbindung getestet. Von 15 Frauen ist eine positiv. Während der Geburt geben wir Anti-Virus-Tabletten, damit die Infektionsgefahr für das Baby geringer ist. Und sofort nach der Entbindung bekommt es ein spezielles Serum“, berichtet Esres Kakuru. Die Infektionsgefahr könnte weiter verringert werden, wenn HIV-positive Mütter ihre Kinder nicht stillen: „Doch wie sollen sie das Geld für Milchpulver aufbringen?“, gibt die Hebamme zu bedenken. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung verdient weniger als einen US-Dollar pro Tag. Die Gesamtausgaben des Staates für die Gesundheit pro Kopf werden mit 45 US-Dollar im Jahr beziffert.

Esres Kakuru will den Frauen in ihrem Land helfen. „Deshalb bin ich Hebamme geworden“, sagt die Mutter eines 16-jährigen Sohnes. Sie hat sich vorgenommen, künftig mehr mit den Schwangeren zu reden. „Wenn die Frauen wissen, was während der Geburt passiert, können sie auch viel besser mithelfen. Das habe ich hier gesehen. Es hat mich beeindruckt, wie intensiv der Kontakt mit den Patientinnen ist. Und wie pünktlich und effektiv die Arbeit gestaltet wird“, betont die Hebamme. Die Arbeit in der Frauenklinik des EvKB habe ihr sehr gut gefallen. Nur die Temperaturen in diesem deutschen Sommer seien gewöhnungsbedürftig gewesen: „Bei uns in den Bergen Tansanias weht immer ein kühler Wind. Klimaanlagen brauchen wir nicht.“


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