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07.08.2019

Barrierefreie Patientenversorgung


Betheler Ärzte, Geschäftsführungen und Vorstandsmitglieder begleiteten Jürgen Dusel (Mitte) bei seinem Besuch im Krankenhaus Mara. Im Haus Karmel kam Jürgen Dusel (v. l.) mit Dieter Barkowsky und Bärbel Hilgner vom Bewohnerbeirat ins Gespräch. Fotos: Paul Schulz

Bundesbehindertenbeauftragter besucht Bethel-Einrichtungen

Bielefeld-Bethel. Über die medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderungen informierte sich der Behindertenbeauftrage der Bundesregierung, Jürgen Dusel, am Dienstagnachmittag in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Zentrale Stationen seines Aufenthalts waren das Krankenhaus Mara als Teil des Evangelischen Klinikums Bethel (EvKB) sowie das Haus Karmel, in dem Menschen mit komplexen Behinderungen leben und betreut werden. Neben den Gesprächen mit Betheler Forschern, Pflege- und Führungskräften suchte der Bundesbeauftragte dabei auch den Dialog mit Klienten und Angehörigen.

Jürgen Dusel betonte, dass die gesundheitliche Versorgung von Menschen mit Behinderungen eine besondere Herausforderung sei. Im Krankenhaus Mara informierte EvKB-Geschäftsführer Dr. Matthias Ernst über die spezielle Ausrichtung des hier beheimateten Zentrums für Behindertenmedizin. Rund 60 der insgesamt 177 Betten stehen in Mara zur Verfügung, um die bestmögliche medizinische Versorgung für besondere Patienten zu gewährleisten. Das Behandlungsangebot umfasst unter anderem eine Infektionsambulanz, eine Notfall- und Facharztambulanz, Radiologie, Physiotherapie, MRT und EEG. „Sämtliche große Fachdisziplinen sind vorhanden“, erklärte Dr. Ernst. Für die ambulante Patientenversorgung gebe es darüber hinaus – ebenfalls in Mara – das Medizinische Zentrum für Erwachsene mit geistiger Behinderung und schweren Mehrfachbehinderungen (MZEB), das 2018 eröffnet wurde.

Dass auch die Schnittstellen zwischen Privatleben und medizinischer Versorgung für die erfolgreiche Behandlung von Menschen mit Behinderungen eine wichtige Rolle spielen, verdeutlichte Prof. Dr. Doris Tacke von der Fachhochschule der Diakonie (FHDD). Sie informierte über das kürzlich abgeschlossene Forschungsprojekt „Klinik inklusiv“. Dabei wurden Krankenhausaufenthalte von Menschen mit komplexen Behinderungen durch Klinische Pflege-Expertinnen (KPE) schon vor der eigentlichen Aufnahme begleitet. „In eine Klinik eingeliefert zu werden, löst bei vielen Patienten mit komplexen Behinderungen Angst und Unruhe, manchmal sogar Panik aus“, erklärte Prof. Doris Tacke. Dem hätten die KPE entgegensteuert, indem sie Besonderheiten, Bedürfnisse, Ressourcen und Grenzen von Patientinnen und Patienten erfassten. So sei es während des Aufenthaltes besser möglich, auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen.

„Wir müssen sicherstellen, dass Menschen mit Behinderungen den nötigen Betreuungs- und Unterstützungsbedarf auch im Krankenhaus bekommen“, hob Jürgen Dusel hervor. „Aus meiner Sicht ist es völlig inakzeptabel, dass Menschen im Krankenhaus Angst erleben.“ Unklar sei derzeit aber noch die Finanzierung für derlei zusätzliche Leistungen, bei denen teilweise sowohl Kapazitäten aus dem Betreuungs- als auch aus dem klinischen Pflegebereich abgerufen würden. Für eine verbindliche Regelung plädierte Bethel-Vorstand Prof. Dr. Ingmar Steinhart. „Bislang hängt der Erfolg in dieser Hinsicht sehr vom persönlichen Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Einrichtungen und Krankenhäusern ab“, sagte er. Die Lösung müsse den entstehenden Mehraufwand an beiden Stellen berücksichtigen. 

Wie nahe beide Leistungsgebiete beisammenliegen, wurde auch beim anschließenden Besuch im Haus Karmel deutlich. In der Bethel-Einrichtung leben 24 Menschen mit komplexen Behinderungen und teils intensivem Betreuungsbedarf. Regelmäßig besuchen Ärzte die Einrichtung, um Rezepte zu erneuern, die medizinischen Bedürfnisse ihrer Patienten zu erfassen und die Klienten gegebenenfalls anschließend in ihren Praxen zu behandeln. Dennoch stellen vor allem spontane Krankenhausaufenthalte Klienten, Pflegekräfte und Angehörige immer wieder vor große Herausforderungen. „Wenn wir Menschen ins Krankenhaus begleiten, reißt das ein großes Loch in die Personaldecke“, erklärte Bethel-Regionalleiterin Anne Mensen. Darüber hinaus komme es sogar vor, dass Mitarbeitende auf eigenen Wunsch Klienten nach dem Dienst oder an freien Tagen im Krankenhaus begleiten und dadurch zusätzliche Belastungen in Kauf nähmen.

Das bestätigt auch Anneliese Ahrens, deren 47-jähriger Sohn Frank seit 14 Jahren in Bethel lebt und auf eine intensive Betreuung und emotionale Nähe zu seinen Bezugspersonen angewiesen ist. „Frank baut Beziehungen auf – auch wenn es für Außenstehende nicht sofort ersichtlich sein mag“, sagte sie. Deshalb sei die Betreuung durch ihm bekannte Personen wichtig – auch im Krankenhaus. So oft es geht, würde sie für die regelmäßige Begleitung ihres Sohnes anreisen, um ihn im Krankenhaus zu unterstützen. Steht kein Angehöriger zur Verfügung würden oft Fachkräfte die Begleitung übernehmen, so Anne Mensen. „Und dieses Thema wird von den Kostenträgern nicht anerkannt“, kritisierte Prof. Ingmar Steinhart. „Der Mehraufwand wird eher wegdiskutiert. Es wird so getan, als ob er nicht stattfindet.“ Die beschriebene Situation, sei „eines Sozialstaats im 21. Jahrhundert nicht würdig“, stimmte Jürgen Dusel zu.

„Ich bin beeindruckt davon, welch gute Arbeit hier geleistet wird“, sagte der Bundesbeauftrage zum Abschluss seines Bethel-Besuchs. „Für mich war es ein sehr erlebnisreicher Tag mit vielen Eindrücken und vielen Dingen, die an mich herangetragen wurden.“ Es sei wichtig, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass Menschen mit Behinderungen ihren Betreuungsbedarf mit dem Verlassen einer Einrichtung nicht verlören, so Jürgen Dusel. Er sei dankbar für die wichtigen Schilderungen aus der Praxis. „Der Tag hat mich sehr inspiriert. Ich möchte versuchen, möglichst viele Ideen von hier nach Berlin mitzunehmen.“


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