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12.03.2020

Berufliche Qualifikation im Reitstall Bethel


Rau-, Kraft- und Zusatzfutter? Gemeinsam begutachten Lia-Christin Nußbaum (l.) und Juliana Schuhmacher die vielen unterschiedlichen Bestandteile einer ausgewogenen Pferdemahlzeit.

Christina Mausolff (r.) zeigte ihren Schülerinnen, wie ein Pferd fachgerecht vermessen wird.

Eingespieltes Team: Juliana Schuhmacher und Pauli verstehen sich nicht nur bei der Fütterung bestens. Fotos: Paul Schulz

„Pferde füttern“ wie ein Profi

Bielefeld-Bethel. Falls das nasskalte Wetter dem Therapiepferd Pauli etwas ausmachen sollte, dann lässt er sich nichts anmerken. Entspannt kaut der Norweger vor dem Reitstall Bethel etwas Heu und wartet gelassen auf seinen Auftritt. Weitaus weniger entspannt als das routinierte Therapiepferd sind die beiden jungen Frauen, deren Fachwissen an diesem Märzmorgen auf die Probe gestellt wird.

Juliana Schuhmacher und Lia-Christin Nußbaum stellen sich dem praktischen Prüfungsteil des Qualifizierungsbausteins „Pferdefütterung“. Für sie endet damit eine lange und gründliche Vorbereitungsphase: Binnen eines Jahres wurde ihnen in Theorie und Praxis die notwendigen Fachkenntnisse vermittelt. Jetzt wird das Erlernte in einer zweistündigen Prüfung abgefragt. Unter Anleitung von Reitstall-Mitarbeiterin Christina Mausolff haben die beiden Frauen – sowie zwei weitere Aspiranten – alles rund um die Fütterung der Vierbeiner gelernt, die im Reitstall Bethel im Einsatz sind.

Christina Mausolff und ihr Kollege Marco Vohmann, die die Prüfung gemeinsam durchführen, sorgen für eine konzentrierte, aber angenehme Atmosphäre. Freundlich, aber bestimmt, befragen sie Juliana Schuhmacher und Lia-Christin Nußbaum zu Rübenschnitzel, Maisschrot und den vielen Getreidesorten, die wie an einem Buffet in halbdurchsichtigen Plastikwannen auf Bestimmung und Zuordnung warten. Der Reihe nach müssen die Typen Rau-, Kraft- und Zusatzfutter beurteilt, gewogen und nach individueller Berechnung gemischt werden. So stellten die beiden jungen Frauen aus vielen unterschiedlichen Futtersorten eine individuelle und ausgewogene Mahlzeit für Pauli zusammen.

„Gar nicht so schwer“ fand Lia-Christin Nußbaum diesen Prüfungsteil. „Ich war aber auch echt gut vorbereitet“, sagt sie selbstbewusst. Ein Jahr lang, jeden Mittwoch, erhielten die Prüflinge bei Christina Mausolff theoretischen Unterricht und erweiterten nach und nach ihre Pferdekompetenz. Hinzu kommt, dass die 21-Jährige über viel praktische Erfahrung im Umgang mit Pferden verfügt: Seit drei Jahren nimmt sie täglich jeweils anderthalb Stunden Hin- und Rückfahrt auf sich, um im Betheler Reitstall zu arbeiten. Hier sind sie und ihre Mitstreiterin Juliana über Bethels Arbeits- und Rehabilitationsbereich proWerk auf betriebsintegrierten Arbeitsplätzen beschäftigt. Noch viel länger ist Lia-Christin selbst auf dem Pferderücken unterwegs: „Ich reite schon seit der ersten Klasse“, sagt sie stolz.

Kniffeliger ist allerdings der nächste Teil der praktischen Prüfung: Jetzt wird zuerst das Pferd gemessen und dann das Gewicht errechnet. Jetzt hat Therapiepferd Pauli seinen großen Auftritt – endlich. Der Norweger wartet geduldig, während ihm Juliana Schuhmacher und Lia-Christin Nußbaum zu Leibe rücken. „Länge 1,80 von Bug bis zum Hinterteil“, ruft Juliana Schuhmacher ihrer Mitstreiterin am anderen Ende des Maßbandes zu. Nachdem Brustumfang und die Höhe bis zum Widerrist ermittelt wurden, kann das Gewicht errechnet werden. Diese Erfassung hat für Pauli eine große Bedeutung – schließlich errechnen die Prüflinge, wieviel Kilo Heu ihm täglich zustehen. Im zweiten Prüfungsabschnitt, der am Nachmittag desselben Tages stattfindet, wird es dann theoretisch: „Ich lasse es auf mich zukommen“, sagt Juliana Schuhmacher zuversichtlich. Die 24-jährige Bielefelderin hofft darauf, zu ihrem Spezialgebiet befragt zu werden: „Beim Magen-Darm-Trakt des Pferdes kenn ich mich richtig gut aus“, sagt sie selbstbewusst. „Ich werde auf jeden Fall mein Bestes geben.“

Das berufsvorbereitende Projekt ist eine Kooperation der Betheler Stiftungsbereiche proWerk und Bethel.regional. Reitstall-Mitarbeiterin Christina Mausolff hat das Programm, das sich am Rahmenplan der Ausbildung zum „Pferdewirt“ orientiert, selbst entwickelt. Anschließend erwirkte sie gemeinsam mit Jochen Häger, in Bethel Experte für die Inklusion auf dem Arbeitsmarkt, die Zertifizierung an der Landwirtschaftskammer, und führte anschließend die Lerneinheiten durch. Finanziell ermöglicht wurde das Projekt mit einer Spende von Rolf und Gerda Schopf. Für die zweite Jahreshälfte ist ein weiterer Qualifizierungsbaustein geplant. Ab September soll es um die Weidehaltung von Pferden gehen.


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