v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel
 
Spenden
Suchen
30.11.2011

Bethel bietet Unterstützung für Migranten an


Julia Komleva (l.) erklärt Emma und Alexej Fendel, worum es in dem behördlichen Schreiben geht.

Regelmäßig holt Mehmet Kutluer (l.) Hüseyn Bozoglu ab, um mit ihm Tätigkeiten des Alltags zu trainieren. Fotos: Paul Schulz

Alltagsbegleitung in vielen Sprachen 

Bielefeld-Bethel. Ihre Wohnung in Bielefeld-Brackwede ist klein aber gemütlich. Emma und Alexej Fendel fühlen sich jedenfalls wohl in ihrem Zuhause. Die 47-Jährige und ihr 56-jähriger Mann können den Supermarkt zu Fuß erreichen, und zur Straßenbahnhaltestelle ist es auch nicht weit. Vor sechs Jahren ist das Ehepaar Fendel von Russland nach Deutschland gezogen. Weil beide geistig behindert sind und kaum Deutsch sprechen, kämen sie in ihrem Alltag schlecht zurecht – wenn es nicht Julia Komleva gäbe. 

Emma und Alexej Fendel haben Post von der Behörde erhalten. Julia Komleva übersetzt. Sie müssen zum Arzt. Julia Komleva kommt mit. Und wenn in der Wohnung etwas kaputt ist, kümmert sich die Bethel-Mitarbeiterin auch um den Reparaturdienst. „Wir verstehen uns gut“, sagt Alexej Fendel auf Russisch und meint nicht nur die Sprache. Denn alle drei haben ähnliche Wurzeln. Das erleichtert den Umgang miteinander. „Wenn Emma und Alexej über ihr Leben in Russland erzählen, weiß ich, was sie meinen“, sagt die 36-jährige Soziologin, die eher durch Zufall in den sozialen Bereich „gerutscht“ ist. „Es reicht nicht aus, die Sprache fließend zu sprechen. Ein gemeinsamer soziokultureller Hintergrund ist hilfreich, um die Probleme zu begreifen.“ 

Rund 40 000 Menschen leben im Stadtteil Brackwede. Beinahe jeder dritte Einwohner hat einen Migrationshintergrund. Und unter den vielen Frauen und Männern gibt es auch Menschen, die eine Behinderung, eine Epilepsie oder eine psychische Erkrankung haben. „In der Regel werden die Betroffenen von der Mutter oder Schwester zu Hause versorgt und behütet, aber nicht gefördert“, stellt Detlef Kremser fest. Er ist Teamleiter vom Ambulant Unterstützten Wohnen, das Bethel in Brackwede anbietet. „Die Familien kennen die Unterstützungsangebote meist gar nicht. Und wenn sie sie kennen, dann nehmen sie sie nicht an“, so die Erfahrung des Bethel-Mitarbeiters. 

Damit die Unterstützung bei den Menschen ankommt, die sie brauchen, hat Bethel in Brackwede jetzt ein Angebot extra für behinderte Menschen mit Migrationshintergrund eingerichtet. Julia Komleva ist für russischsprachige und Mehmet Kutluer für türkischsprachige Mitbürgerinnen und Mitbürger zuständig. „Zurzeit liegt mein Arbeitsschwerpunkt aber eher darin, Kontakte zu knüpfen“, sagt Mehmet Kutluer. Dafür verteilt er Flyer in türkischer Sprache zum Beispiel in türkischen Arztpraxen oder türkischen Cafés. „Es geht darum, die Angebote bekannt zu machen und die türkischen Mitbürger darüber zu informieren, dass sie einen Anspruch darauf haben“, so Mehmet Kutluer.  

Wie Julia Komleva macht auch Mehmet Kutluer die Erfahrung, dass sie einen leichteren Zugang zu den Menschen haben, weil sie Landsleute sind. „Es sind manchmal nur Kleinigkeiten, die positiv ins Gewicht fallen. Zum Beispiel ziehe ich mir die Schuhe aus, wenn ich die Wohnung türkischer Familien betrete, weil sich das so gehört“, so der 42-jährige Bethel-Mitarbeiter. Zurzeit unterstützt er einen Klienten, der recht gut Deutsch spricht. „Für Hüseyin Bozoglu ist nicht die Sprache das Problem. Er braucht Begleitung, damit er sich in den deutschen Strukturen zurechtfinden und selbstständig leben kann“, so Mehmet Kutluer, der sich als „Türöffner“ zu den Unterstützungsangeboten in Brackwede versteht.  

Zurzeit prüft Bethel in Brackwede, welche Angebote für die Bewohnerinnen und Bewohner gebraucht werden. Schon jetzt ist klar: Was fehlt, wird geschaffen. „Wenn zum Beispiel eine behinderte Frau aus persönlichen Gründen nicht von einem Mann betreut werden will, dann wird für sie eine Frau eingestellt“, betont Detlef Kremser. „Alle, die die Dienste des Ambulant Unterstützten Wohnens Brackwede nutzen, können sicher sein, dass nichts passiert, was sie nicht wollen.“


© 2019 v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel