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29.11.2013

Bielefelder Schmerztag


Organisatoren und Referenten des 5. Bielefelder Schmerztags: (von links nach rechts): Wolfgang Richter, leitender Psychologe der EvKB-Schmerztherapie, Dr. Hans-Jürgen Flender, Leitender Arzt der Schmerztherapie im EvKB, Dr. Joachim Sommer Funktionsoberarzt der Schmerztherapie im EvKB, Prof. Dr. Kati Thieme, Preisträgerin des Deutschen Schmerzpreises 2012, Dr. Thilo Wagner, Oberarzt der Schmerztherapie im EvKB, Dr. Andrea Möllering, Dr. Markus Klein, Gemeinschaftspraxis Anästhesie und Schmerztherapie in Gütersloh, Prof. Dr. Michael Frosch, Universität Witten/Herdecke, Prof. Dr. Fritz Mertzlufft, Dr. Thomas Meinert.

Schmerz im fremden Land

Bielefeld-Bethel. Chronische Schmerzen müssen im Zusammenhang kultureller, sozialer, politischer wie auch psychologischer Einflussfaktoren betrachtet werden. Diesem Ansatz folgten jetzt 120 Experten beim 5. Bielefelder Schmerztag des Ev. Krankenhauses Bielefeld (EvKB). Auch in diesem Jahr sprachen namhafte Referenten aus Deutschland über neueste Forschungserkenntnisse in der Schmerztherapie.

Schmerz entsteht häufig durch die Umwelt und das soziale Umfeld. „In der Schmerztherapie geht es deshalb nicht nur um den Schmerz, sondern auch um die Faktoren, die den Schmerz chronisch machen“, betonte Dr. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, in seiner Begrüßung beim 5. Bielefelder Schmerztag. Veranstaltet und organisiert wurde der Bielefelder Schmerztag von der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv-, Notfallmedizin, Transfusionsmedizin und Schmerztherapie des EvKB.

Wie sich Schmerz im fremden Land anfühlt und welche Spezifika die behandelnden Ärzte dabei beachten müssen, veranschaulichte Dr. Andrea Möllering, Chefärztin der Klinik für Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin des EvKB. Sie stellte dar, welchen besonderen Belastungen Migranten ausgesetzt sind. „Migration geht mit Verlust einher. Menschen, Dinge und Orte werden zurückgelassen. Das Klima, die Sprache, die Umgebung, die ganze Kultur ist oft eine komplett andere.“ Gerade Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus lebten dazu in ständiger Ungewissheit. Menschen, die vor Krieg, Folter oder Verfolgung geflohen seien, hätten oft traumatische Erfahrungen gemacht. Studien belegen für diese Gruppe eine hohe Rate körperlicher Schmerzstörungen. „Wichtig ist deshalb, die Besonderheiten kulturspezifischer Traumata und Stressfaktoren zu berücksichtigen“, so Dr. Möllering.

Verallgemeinerungen seien dabei nicht gefragt. Vielmehr müssten die individuelle Lebensgeschichte, die soziokulturellen Zusammenhänge und die politische Situation des Herkunftslandes herangezogen werden. Auch die Situation im Einwanderungsland, der Aufenthaltsstatus, die familiäre Situation und besondere Belastungsfaktoren spielten eine wichtige Rolle in der Therapie. Wichtig seien dabei ein gesundes Maß bei der Einschätzung kultureller Unterschiede und die Berücksichtigung der Migrationsgeschichte durch den behandelnden Schmerztherapeuten.

Wie sich Arbeit auf die Chronifizierung von Schmerz auswirkt, verdeutlichte Dr. Thomas Meinert aus dem Zentrum für Arbeitsmedizin, Prävention und Arbeitssicherheit der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Hier wurde das Wechselspiel zwischen den psychosozialen Voraussetzungen und den Bedingungen am Arbeitsplatz beleuchtet. Ob und wann Schmerzen chronisch würden, hänge nicht allein von den Arbeitsbedingungen ab, sondern auch von eigenen Konfliktverarbeitungsstrategien oder der Unterstützung durch Freunde und Familie. Menschen mit hoher Leistungsmotivation, die länger am Arbeitsleben teilnehmen wollten, gingen seltener in die Frühverrentung als andere. Auch weil sie aktiv auf die Veränderung der Arbeitsbedingungen einwirkten. Eine wesentliche Rolle, so Dr. Meinert, spiele es auch, welcher Stellenwert dem Schmerz im eigenen Leben gegeben werde.

Beim Bielefelder Schmerztag wurde darüber hinaus die schmerztherapeutische Versorgungsstruktur in der Bundesrepublik mit deutlichen Worten angesprochen: „Im Bewusstsein vieler ist immer noch nicht angekommen, wie wichtig und umfassend die Auseinandersetzung mit dem chronischen Schmerz ist“, sagte Prof. Dr. Fritz Mertzlufft, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv-,Notfallmedizin, Transfusionsmedizin und Schmerztherapie des EvKB. „Leider ist die Diskrepanz beängstigend: Während die Zahl der Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, hoch ist und weiter steigt, bleibt die Zahl derjenigen, die sich um diese Patienten kümmern, auf einem gleichbleibenden, niedrigen Niveau“, so Mertzlufft. Dem pflichtete Theodor Windhorst mit Hilfe eindrucksvoller Zahlen bei: 15 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Schmerzen, davon sechs Millionen unter chronischen. Dazu zählen alle Schmerzleiden, die länger als sechs Monate andauern. „Die Karriere dieser Patienten dauert durchschnittlich vier Jahre, bis sie eine vernünftige Therapie finden“, weiß Dr. Windhorst.

In der Schmerztherapie der Betheler Klinik für Anästhesiologie, Intensiv-, Notfallmedizin, Transfusionsmedizin und Schmerztherapie werden jährlich über 1.000 ambulante Patienten mit chronischen Schmerzen behandelt. Hinzu kommen 600 stationäre Patienten. Die Schmerztherapie arbeitet darüber hinaus eng mit dem Hospiz Haus Zuversicht der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel und dem Palliativnetz Bielefeld e.V. zusammen.


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