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22.05.2015

Kongress für gemeindeorientierte Suchttherapie in Bethel


Dr. Martin Reker v.l.), die Ergotherapeutin Carmen Mucha und Privatdozent Dr. Hans-Jürgen Rumpf arbeiten und forschen für ein innovatives Suchthilfesystem.

Nach den Vorträgen der renommierten Referenten und deren Literaturvorschlägen war der Andrang am Büchertisch groß.

Mehr als 220 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verfolgten den CRA im Betheler Assapheum.

Der Philosoph Prof. Dr. Ralf Stoecker untersuchte die ethische Seite der CRA-Therapie.

Der Auslöser für eine spätere Suchterkrankung kann in der frühen Kindheit liegen. Fotos: Schulz

Was hilft tatsächlich gegen Sucht?

Bielefeld-Bethel. Der suchtkranke Mensch und die therapeutischen Möglichkeiten, Selbstheilungsprozess zu unterstützen,  standen im Mittelpunkt des diesjährigen Kongresses für gemeindeorientierte Suchttherapie. Dass die gemeindeorientierte Suchttherapie mit dem Community Reinforcement Approach, kurz CRA genannt, ein erfolgreiches Konzept ist, spricht sich inzwischen in ganz Deutschland herum. Zwei Tage lang setzten sich 220 Fachkräfte aus dem gesamten Bundesgebiet in Bielefeld-Bethel mit dem Thema „Von den Chancen und Risiken, Suchtkranken zu vertrauen“ auseinander.

Wer ein erstrebenswertes Ziel hat, hat auch einen Grund, mit dem Alkohol- bzw. Drogenkonsum aufzuhören. Das ist kurz gesagt der Ansatz der CRA-Therapie, die auch in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bethel zur Anwendung kommt.

Die Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen war unter der Leitung von Dr. Martin Reker die erste, die in Deutschland CRA eingeführt hat. 2010 gründete er den Verein für gemeindeorientierte Psychotherapie, mit dem Anspruch Community Reinforcement Approach als psychotherapeutisches Konzept in den gemeindepsychiatrischen Netzwerkstrukturen zu verankern und in Deutschland zu verbreiten.

Es gibt professionelle Suchttherapien, wie CRA aber auch eine wirksame Methode, die keine Institutionen braucht – die Selbstheilung. Mit diesem Phänomen beschäftigt sich Dr. Hans-Jürgen Rumpf, Privatdozent der Universität Lübeck. „Menschen schaffen es auch ohne professionelle Hilfe, die Sucht zu überwinden“, betonte der Referent in seinem wissenschaftlichen Vortrag. Die Rate der Selbstheilungen bei Alkoholabhängigkeit liege in Deutschland bei über 50 Prozent. In Amerika und Kanada sei sie sogar mit über 70 Prozent noch höher.

Aber diese Erkenntnisse der Selbstremission wurden lange ignoriert. Noch im Jahr 2008 kam der Bund in seiner Gesundheitsberichterstattung zu dem Schluss: „Unbehandelt führt Alkoholabhängigkeit meist zum Tod“. Das ist falsch. Zweifel daran seien schon in den 1960er-Jahren aufgekommen, informierte der Privatdozent. „Untersuchungen von Vietnam-Veteranen hatten ergeben, dass viele, die während ihres Kriegseinsatzes in Vietnam drogenabhängig waren, keine Drogen mehr nahmen, als sie zurück in Amerika waren. Die Sucht war von alleine ausgeheilt.“

Die Möglichkeiten der Selbstheilung von Suchtkranken müssten Konsequenzen für die professionelle Behandlung haben, forderte Dr. Rumpf. Ein Grund, weshalb die Menschen sich selbst heilten und sich nicht in professionelle Behandlung begeben, ist unter anderem die Stigmatisierung der Behandlung. Um dieser Patientengruppe professionelle Unterstützung l anbieten zu können, braucht es andere Strukturen. Eine Vision für die Suchttherapie der Zukunft ist daher die Etablierung von Gesundheitszentren, in denen auch andere Krankheiten behandelt werden.

„Den Patienten Fertigkeiten zu vermitteln, dass sie ihre Ziele erreichen, ist ein taugliches Mittel zur Abstinenz“, hält der Philosoph Prof. Dr. Ralf Stoecker von der Universität Bielefeld fest. Da aber viele der geförderten Lebensziele der Patientinnen und Patienten auch andere Menschen beträfen, wurde er vom Veranstalter gebeten, diesen Aspekt der CRA-Behandlung aus ethischer Sicht zu beleuchten.

„Darf man Suchtkranken helfen, Partner zu finden, Kinder zu bekommen und Auto zu fahren“, stellt Prof. Dr. Ralf Stoecker das Belohnungsprinzip der CRA-Therapie in Frage. Was ist, wenn die Partnerschaft scheitert, das Kind leidet oder bei einem Autounfall Menschen verletzt werden? Ist der Therapeut dann mitverantwortlich? Einfach zu beantworten ist die Frage nach dem Führerschein. Denn der Patient, der ihn zurückhaben will, muss zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung. „Da ist der Therapeut fein raus“, so der Referent. „Die Verantwortung übernimmt ein anderer. Aber für Kinder und Partner gibt es keine MPU.“

Über die neuen Partner mache er sich auch nicht so große Sorgen, betonte Prof Stoecker. Denn sie hätten die Freiheit, sich gegen die Partnerschaft zu entscheiden. „Jeder ist seines Glückes Schmied. Es wäre vom Therapeuten anmaßend, die Verantwortung für einen möglichen Kummer zu übernehmen“, bemerkte der Philosoph. Aber was ist mit dem Kinderwunsch? „Das ist die schwerste aller Fragen“, räumte er ein. „Denn das Kind ist nicht seines Glückes Schmied. Wenn es dem Kind schlecht ergeht, dann ist der Therapeut mitverantwortlich. Der Herzenswunsch nach einem Kind taugt also nicht als Mittel zur Suchtbekämpfung“, betonte Prof. Dr. Ralf Stoecker beim 5. CRA-Kongress.

Um Menschen mit Suchterkrankungen besser verstehen zu können, unternahm Dr. Martin Reker einen gedanklichen Ausflug in die Tiefenpsychologie. „Tiefenpsychologen gehen davon aus, dass frühe Reifungsdefizite etwas mit der Sucht zu tun haben.“ Die Hypothese sei, dass Bedürfnisse des Säuglings nach Wärme, Nahrung und Sicherheit nicht befriedigt wurden. Die damit verbunden existentiellen Ängste würden von diesen Menschen früh abgewehrt. Das, so die Vermutung, führe dazu, dass Suchtkranke sich von lebensbedrohlichen Entwicklungen in ihrem Umgang mit Suchtmitteln oft kaum beeinflussen lassen. Stattdessen werden Rauschzustände in angstbesetzten Situationen zu einer Flucht in eine zwischenzeitliche Nicht-Existenz, über die sich die Suchtkranken das Leben erträglicher machen.


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