v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel
 
Spenden
Suchen
07.09.2010

Neues Buch über die männliche Diakonie in Bethel


Für sein Buch hat Reinhard Neumann bisher unausgewertete Quellen im Nazareth-Archiv gesichtet. Foto: Elbracht

Maria und Paul Tegtmeyer standen als strenge, fürsorgende Eltern der Nazareth-Familie vor.

1914 war Pastor Johannes Kuhlo Vorsteher der Diakonenanstalt Nazareth.

1940 wurden zum letzten Mal vor Ende des Zweiten Weltkriegs Diakone eingesegnet. Mit auf dem Foto sind Paul Tegtmeyer (2. v. r. sitzend) und Johannes Kuhlo (3. v. r.) mit Parteiabzeichen. Fotos: Nazareth-Archiv

Nur wenige waren Nationalsozialisten  

Bielefeld-Bethel. Alle Diakone in Bethel, so war es in der „Geschichte der evangelischen Posaunenbewegung Westfalens“ nachzulesen, seien bis 1937 in die SA eingetreten. Diese Behauptung des Theologen Wolfgang Schnabel in seinem Buch von 2003 sorgte in Bethel bei Zeitzeugen und Angehörigen für große Beunruhigung. Trotz Gegenargumentation hielt sich der Mythos von den braunen Brüdern in Nazareth hartnäckig. Der Nazareth-Historiker Reinhard Neumann hat sich jahrelang mit dem Thema befasst. Das Ergebnis seiner Recherchen ist jetzt als Buch erschienen. 

„Es geisterten so viele Mutmaßungen und Legenden über die Haltung der Brüder der Westfälischen Diakonenanstalt Nazareth zum Nationalsozialismus umher, dass es unumgänglich war, darüber zu forschen und die Ergebnisse auf wissenschaftliche Füße zu stellen“, sagt Pastor Bernward Wolf, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel und zuständig für die diakonischen Gemeinschaften Nazareth und Sarepta. In Absprache mit der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel und der Nazareth-Leitung erteilte der Vorstand daraufhin dem Dozenten Reinhard Neumann den Auftrag, die historische Entwicklung der Brüderschaft in der Zeit von 1914  bis 1954 wissenschaftlich fundiert aufzuarbeiten.  

1914 war Pastor Johannes Kuhlo Vorsteher der Diakonenanstalt Nazareth. Er leitete tiefgreifende Veränderungen für die Nazareth-Diakone in Bethel ein. So wurde unter anderem die zölibatäre Lebensform gelockert, und die Brüderschaft gewann neben der Sarepta-Schwesternschaft größere Eigenständigkeit. „Die männliche Diakonie in Bethel wurde 1877 als Hilfsinstrument der Diakonissen gegründet. Diakone wurden dort eingesetzt, wo das Schamgefühl der Diakonissen verletzt wurde, zum Beispiel in der Pflege männlicher Patienten“, erläutert Reinhard Neumann. Die Diakonissen hatten das Sagen, die Diakone mussten sich - entgegen dem damaligen Rollenverständnis der Geschlechter – unterordnen.

Politisch dachte Johannes Kuhlo national-chauvinistisch. „In seiner Person mischte sich die pietistisch-erweckte Bibelfrömmigkeit seiner Ravensberger Heimat mit der fast schon sakral anmutenden Kaiserverehrung des wilhelminischen Zeitalters“, kommentiert Reinhard Neumann in seinem Buch „Die Westfälische Diakonenanstalt Nazareth 1914 – 1954“. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg 1918 und dem Zusammenbruch des Kaiserreiches machte Kuhlo die „Judensippe“ und die „Spartakisten“ als Schuldige für den „kommunistischen, gottlosen Umsturz“ aus. Seine glühende Verehrung für den Kaiser übertrug er nahtlos auf Adolf Hitler. Ab 1923 war er allerdings nicht mehr Vorsteher der Westfälischen Diakonenanstalt Nazareth. Stattdessen widmete er sich ganz und gar der Kirchenmusik, unter anderem mit seinem „Kuhlo-Horn-Sextett“.  

Kuhlos Nachfolger Pastor Paul Tegtmeyer, der von 1923 bis 1954 das Amt des Vorstehers in Nazareth innehatte, hegte gegen den Nationalsozialismus eine tiefe Abneigung. „Wir arbeiten nicht für das Dritte Reich, sondern für das Reich Gottes“, erinnerte er die Diakone, die Sympathie für die Nazi-Ideologie aufbrachten. Vor allem jüngere Brüder, die ihren Dienst nicht in Bethel versahen, suchten nach Orientierung. Die Propaganda versprach ihnen ein positives Christentum. „Das kann so schlecht nicht sein“, meinten sie. Doch Pastor Tegtmeyer blieb kritisch. Reinhard Neumann ist überzeugt: „Tegtmeyer hat die Brüderschaft in ihrer Gesamtheit durch die Zeit des Nationalsozialismus gerettet.“ 

Paul Tegtmeyer und seine Frau Maria standen an der Spitze der Hierarchie in der Diakonenanstalt Nazareth. Die Brüder redeten sie mit Papa und Mama an. Mit strengen, patriarchalischen Strukturen schafften sie es, die Mitglieder der „Nazareth-Familie“ durch die Anfeindungen und Verführungen jener Zeit zu manövrieren. Tatsächlich traten im Vergleich zu anderen diakonischen Gemeinschaften in Deutschland nur wenige Nazareth-Diakone der NSDAP bei.1939 meldete Tegtmeyer auf Anfrage der Deutschen Diakonenschaft, dass von 810 Nazareth-Brüdern zehn Mitglied in der SA seien.  

Im Archiv der Stiftung Nazareth hat Reinhard Neumann Quellenmaterial erschlossen, das zum Teil erstmalig ausgewertet wurde und für die Zeit von 1914 bis 1954 neue Erkenntnisse liefert. Viele hundert Briefe hat er gelesen. Besonders bewegt haben ihn die Schilderungen der Soldatenbrüder im Zweiten Weltkrieg. In größter seelischer Not schrieben sie an Pastor Tegtmeyer von den Gräueltaten, die sie erlebten oder die ihnen zu Ohren kamen. „Hier im Krankenhaus habe ich Gelegenheit, in einen Abgrund von Blutschuld zu blicken, die wir auf uns geladen haben, dass ich mich manchesmal frage, wie kann Gott noch mit uns sein?“, schrieb ein Diakon, der als Krankenpfleger in einem Lazarett in Posen diente. 

Nach Kriegsende musste Paul Tegtmeyer seine ganze Kraft aufbringen, um die desillusionierten und traumatisierten, heimatvertriebenen oder aus langer Gefangenschaft nach Hause kehrenden Brüder in die Nazarethfamilie wiedereinzugliedern. „Das große Verdienst des ehemaligen Vorstehers liegt darin, dass er es geschafft hat, im Nationalsozialismus die Einheit Nazareths zu wahren und ein Abdriften der Gemeinschaft zu den völkisch-nationalistischen Deutschen Christen zu verhindern“, betont Bernward Wolf.


© 2020 v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel