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19.07.2016

Neues Buch: umfassende Forschungsergebnisse zur Betheler Geschichte


Die drei Herausgeber Prof. Dr. Matthias Benad (v. l.), Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl und Kerstin Stockhecke sowie Bethels stellvertretender Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Günther Wienberg mit dem neuen Band in der Reihe „Bethels Mission“.

Vom Nationalsozialismus bis zur Psychiatriereform

Bielefeld-Bethel. Bethels Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus und die Psychiatriereform in den 1970er-Jahren stehen im Mittelpunkt eines neuen Sammelbandes, der jetzt in der Reihe „Beiträge zur Westfälischen Kirchengeschichte“ im Luther-Verlag erschienen ist. In dem Buch stellt Bethel-Historiker Prof. Dr. Matthias Benad aktuelle Forschungsergebnisse zur Rolle Friedrich v. Bodelschwinghs d. J. im Dritten Reich vor – insbesondere mit Blick auf die nationalsozialistischen Krankenmorde. 

Friedrich v. Bodelschwingh d. J. habe zwar 1929 „der aufkommenden Rassenhygiene seine Referenz erwiesen und das ‚Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses‘ vom 14. Juli 1933 unter Bedenken bejaht, aber an seiner prinzipiellen Ablehnung einer Tötungsaktion nie den geringsten Zweifel aufkommen lassen“, schreibt Matthias Benad in seinem Beitrag für das Buch mit dem Titel „Bethels Mission (4) – Beiträge von der Zeit des Nationalsozialismus bis zur Psychiatriereform“. Gleiches gelte für Pastor Paul Gerhard Braune, dem Leiter der Betheler Tochteranstalt Lobetal bei Berlin.

Dem Wirken von Paul Gerhard Braune widmet Autor Jan Cantow einen eigenen Beitrag. In einer umfassenden Studie von Karsten Wilke werden zudem die neuesten Ergebnisse zum Betheler Kinderkrankenhaus und seinem Chefarzt Fritz v. Bernuth vorgestellt. In dem Kapitel „Das Betheler Kinderkrankenhaus ‚Sonnenschein‘ 1929 – 1950“ beschäftigt sich Karsten Wilke eingehend mit dem 2014 öffentlich diskutierten Vorwurf, ein Teil der Sterbefälle in dem Kinderkrankenhaus sei auf Tötungen im Rahmen des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms zurückzuführen. Karsten Wilke hat nach einer systematischen Quellenauswertung festgestellt, dass derartige Behauptungen nicht belegt werden können – was er in seinem Beitrag schlüssig begründet.

In einem weiteren Beitrag wird die Bedeutung der Erinnerungskultur mit Blick auf die „Euthanasie“-Verbrechen und der Eugenik hervorgehoben. In dem Kapitel wird ein Bogen geschlagen zu ethischen Herausforderungen in der Gegenwart – unter anderem zu den Debatten über Reproduktionsmedizin und Sterbehilfe. Eine Bibliografie, die erstmals die historischen Forschungen zu Bethel ab Mitte der 1920er-Jahre bis zum Ender der 1970er-Jahre vollständig erfasst, rundet den Band ab.

Die Idee für das neue Buch ist bei einer Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag des Beginns der „Euthanasie“ im November 2014 in Bethel entstanden. Herausgeber sind Matthias Benad sowie Bethel-Historiker Hans-Walter Schmuhl und die Leiterin des Hauptarchivs Bethel, Kerstin Stockhecke. „Wir werden auch weiterhin Forschungsvorhaben ermöglichen und unterstützen, die bisher vernachlässigte Themen oder unzureichend geklärte Fragestellungen aufgreifen“, schreibt Bethels stellvertretender Vorstandsvorsitzender, Prof. Dr. Günther Wienberg, in seinem Geleitwort. Der neue Band zeige, dass zunehmend auch die Geschichte der 1970er bis 1980er-Jahre in den Blick gerate: die Wandlungen im Bereich der Psychiatrie und die veränderten Lebensperspektiven von Menschen mit Behinderung. Aktuelle Forschungen auf diesem Feld würden „ganz sicher die Diakoniegeschichte der kommenden Jahre kennzeichnen“.

Literaturhinweis: Matthias Benad, Hans-Walter Schmuhl und Kerstin Stockhecke (Hg.). Bethels Mission (4) – Beiträge von der Zeit des Nationalsozialismus bis zur Psychiatriereform. Luther-Verlag, Bielefeld 2016. 269 Seiten, 24,80 Euro. ISBN 978-3-7858-0688-3


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