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18.12.2020

Personalbedarf-Studie für die psychiatrische Pflege abgeschlossen


Rainer Kleßmann und Jacqueline Rixe präsentieren die Ergebnisse der Studie: Das Aufgabenfeld der psychiatrischen Pflege hat sich massiv gewandelt, so eine Erkenntnis. Foto: Gunnar Kreutner

Personalschlüssel gehen an der Realität vorbei

Bielefeld-Bethel. Die psychiatrischen Krankenhäuser in Deutschland leiden unter einer massiven Unterversorgung an psychiatrischen Pflegekräften. Das zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Studie, die die Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld-Bethel im Auftrag der Bundesfachvereinigung Leitender Krankenpflegepersonen der Psychiatrie (BFLK) durchführte. Für die einjährige Studie wurden bundesweit Pflegeexperten aus rund 50 verschiedenen Kliniken und Einrichtungen befragt.

Die Fachhochschule der Diakonie hat den Pflegepersonal-Bedarf für die Krankenhausbehandlung in der Erwachsenenpsychiatrie und in der Psychosomatik untersucht. „Das war dringend notwendig. Denn die seit 1990 gültige Psychiatrie-Personalverordnung entspricht längst nicht mehr den tatsächlichen Anforderungen an die Pflege“, sagt der 2. BFLK-Vorsitzende Rainer Kleßmann. Er ist Leiter des Fachbereichs Psychiatrie im Evangelischen Klinikum Bethel (EvKB) und damit verantwortlich für alle psychiatrischen Kliniken im EvKB. Insbesondere in der tagesklinischen Behandlung, in der Gerontopsychiatrie und in den Settings der Intensivbehandlung sei der Personalbedarf sehr viel höher, als es die bisherige Verordnung vorsehe.

Die Autoren der Studie, Prof. Dr. Michael Löhr und Dorothea Sauter, haben in einem ersten Schritt aus der Literatur alle Pflegetätigkeiten im Bereich der psychiatrischen Pflege ermittelt. In der anschließenden Befragung schätzten 117 Pflegeexpertinnen und -experten aus unterschiedlichen Fachbereichen der psychiatrischen Pflege den zeitlichen Arbeitsaufwand dieser Pflegetätigkeiten ein – basierend auf ihren eigenen praktischen Erfahrungen. Aus der Erhebung wurde der tatsächliche Personalbedarf abgeleitet.

„Die Zahlen liegen deutlich über dem vorgegebenen Personalschlüssel in der psychiatrischen Pflege“, berichtet Jacqueline Rixe von der Forschungsabteilung der EvKB-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiterin des Studiengangs „Psychische Gesundheit/Psychiatrische Pflege“ an der Fachhochschule der Diakonie. Aus der Studie geht hervor, dass beispielsweise auf einer allgemeinen Psychiatriestation mit 18 Betten der Personalschlüssel 4:1 und nicht wie bislang 6:1 sein müsste. Eine Ursache für die Differenz sei die deutliche Erweiterung der Tätigkeitsfelder der psychiatrischen Pflege in den vergangenen Jahren, so die Pflegewissenschaftlerin. Neben krankheitsbezogenen Interventionen seien weitere Aufgaben für die Personalbemessung relevant, wie zum Beispiel die Patienten-Begleitung, Angebote der Tagesstruktur oder die Gewährleistung der Patientensicherheit. Der Therapie- und Pflegebedarf der Patienten hätte ebenfalls zugenommen.

Die Studie liefert erstmals wissenschaftlich gesicherte konkrete Zahlen für den Pflegepersonalbedarf in der Erwachsenenpsychiatrie und in der Psychosomatik. Darüber hinaus haben die Pflegewissenschaftler ein wertvolles Instrument entwickelt, mit dem der Personalbedarf einer Klinik verständlich und transparent ermittelt werden kann. „Das ist in Zukunft eine wichtige Verhandlungsgrundlage für Kostenträger und Kliniken“, ist Prof. Dr. Michael Löhr überzeugt. Die Umsetzung des Modells sei zudem mit wenig Bürokratieaufwand möglich, so der Honorarprofessor der Fachhochschule der Diakonie und Pflegedirektor am LWL-Klinikum Gütersloh.


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