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30.06.2010

Therapie-Tiere für demenzkranke Menschen


Fotos: Paul Schulz

Bild 1: Geflügelzüchter Reinhard Lepper (2. v. l.) und der Vorsitzende des Rassegeflügelzuchtvereins Bielefeld Wilfried Detering (3. v. l.) wissen die Seidenhühner in guten Händen bei Renate Andersen, Gisela Oertgen, Leni Haase und Hildegard Niermann (v. l.).

Hühner im Haus Abendfrieden

Bielefeld-Bethel. Es hat sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen: In das Altenheim Abendfrieden in Bethel ziehen vier neue Bewohnerinnen ein. Das ist nichts Ungewöhnliches. Und dennoch haben sich diesmal alle 20 Bewohnerinnen der „Familie Neun“, einer Abteilung für Menschen mit Demenz, im Garten versammelt, um die Neuen willkommen zu heißen. Und ganz vorsichtig zeigen sich diese. Eine nach der anderen recken sie ihre Köpfchen über den Rand des Pappkartons, und schauen sich ihr neues Zuhause an.

„Nein, wie hübsch“, ruft eine Bewohnerin. Sie hält das Seidenhuhn zärtlich im Arm und betrachtet es von Kopf bis Fuß. Seidenhühner sehen flauschig aus. Sie haben einen Schopf auf dem Kopf und seidenweiches Gefieder. Die Ohrscheiben sind türkis. Und auch die Haut und die Organe seien bläulich-schwarz, sagt Rassegeflügelzüchter Reinhard Lepper aus Bielefeld. „Seidenhühner sind ein Import aus Asien und wurden bereits von dem Entdecker Marco Polo im 13. Jahrhundert beschrieben. Die Federn haben keine Häkchen. Deshalb sind sie so plüschig“, erläutert der Experte.

Reinhard Lepper hat dem Altenheim Haus Abendfrieden die vier jungen Legehennen geschenkt. Und zwar von Herzen gern, wie er beteuert. „Denn bessere Bedingungen als hier im Altenheim können sie gar nicht haben“, so der Züchter. Sie haben eine große Wiese zum Laufen und Picken. Darauf steht ihr neues Zuhause, ein hoch modernes Hühnerhaus im Schwedendesign.

Die Hühner und das Hühnerhaus sollen zum Anziehungspunkt für die Menschen im Haus Abendfrieden werden. Die Bewohnerinnen sollen gucken und beobachten können, während sie draußen frische Luft schnappen. „Hühner werden oft in der Altenhilfe eingesetzt“, sagt Einrichtungsleiter Michael Pergande. „Wir werden die Hühnerpflege mit in die Tagesstruktur einbeziehen von der Fütterung bis zum Eiereinsammeln.“

Viele alte Menschen haben erfahrungsgemäß im Laufe ihres Lebens Hühner als Haustiere gehabt. „ Wenn sie die Tiere sehen, werden Erinnerungen wach“, so Michael Pergande. Seidenhühner seien besonders gut geeignet als Haustiere im Altenheim. Denn sie lassen sich gerne streicheln. „Da sie so zart und zerbrechlich wirken, gehen die alten Menschen automatisch sehr behutsam mit ihnen um.“ Trotzdem: Eine Betreuungsassistentin wird immer dabei sein, wenn sich die Bewohnerinnen um die Hühner kümmern.

Gisela Oertgen hat sich ein weißes Seidenhuhn auf den Schoss gesetzt und äußert sich besorgt. „Der Schnabel ist offen. Das Huhn hat Durst. Wir müssen ihm Wasser geben“, erkennt die alte Dame fachkundig. Und auch Leni Haase erinnert sich plötzlich: „Mein Mann und ich hatten früher auch immer Hühner.“

Michael Pergande freut sich über die Reaktion der Bewohnerinnen. Wie erhofft, zeigen sie sich interessiert und sprechen über ihre Erfahrungen. „Scheinbar verschüttete Ressourcen der altersverwirrten Menschen werden plötzlich wieder aktiviert. Tiere sorgen für mehr Lebensfreude“, ist er sich sicher.

Nach der ersten Kennenlernrunde zwischen Mensch und Tier ist es an der Zeit, dass die Hühner ihr Schwedenhaus beziehen. Drei Hennen lassen sich bereitwillig in das eingezäunte Gelände heben. Die vierte nimmt Reißaus. Sicher nicht zum letzten Mal müssen die Mitarbeitenden nun auf Hühnersuche gehen. Wie einfach wäre es, wenn man das Tier beim Namen rufen könnte. Darüber machen sich die Bewohnerinnen schon Gedanken. Wie wäre es mit Berta, Ingrid, Klara oder vielleicht Gertrud …?


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