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21.03.2012

Unerwartetes Geschenk: Armprothese für libyschen Widerstandskämpfer


Wesam Bukrara steht sicher auf beiden Beinen und zeigt seine neue Armprothese.

Leisteten Hilfe für einen verwundeten libyschen Widerstandskämpfer: Martin Elbracht vom Sanitätshaus Rosenhäger, Dr. med. Harald Niemeyer, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie im EvKB und Sami Elias, Arzt und Gründer des Vereins Ärzte in Deutschland für Libyen. Fotos: EvKB

Bielefeld-Bethel. Wesam Bukraras Gesicht zeigt Freude und Erleichterung. Sein Blick wandert auf seine Hand, die sich gerade um mehr als 360 Grad dreht, während ein motorisches Summen zu vernehmen ist. Zwar verlangt es noch seine volle Konzentration, doch nun greift diese Hand langsam und noch etwas unsicher ein gefülltes Wasserglas und gießt den Inhalt in ein leeres. Wesam Bukrara strahlt. Noch vor wenigen Wochen hatte er nicht damit gerechnet, derartige Feinmotorik je wieder ausführen zu können.

Wesam Bukrara ist Libyer. Im arabischen Frühling schloss sich der 26-Jährige dem Aufstand gegen den damaligen libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi an. In seiner nordafrikanischen Heimat gilt er seitdem als Held, bezahlte dafür jedoch einen hohen Preis: Als er mit einem Auto auf eine Feldmine fuhr, verlor er seinen rechten Arm. Auch sein rechtes Bein und der rechte Fuß wurden mit mehreren Brüchen schwer verletzt. Wie tausende andere wurde Wesam Bukrara nach Tunesien zur medizinischen Versorgung gebracht. Dabei hatte der junge Mann Glück im Unglück: „Unter normalen Umständen wäre er verblutet, doch die Brandwunden haben das verhindert“, sagt Sami Elias. Dem Arzt, der 1970 aus Libyen nach Deutschland flüchtete, ist zu verdanken, dass Wesam Bukrara hierher kam. Zu Beginn des Aufstands im letzten Jahr rief Elias in Bielefeld den Verein „Ärzte in Deutschland für Libyen“ ins Leben, der 60 Mitglieder hat. Ziel des Vereins ist es, schwerverletzte Libyer nach Deutschland zu holen, die nicht in Tunesien oder Ägypten behandelt werden können.

Elias’ Verein nahm Kontakt zum Evangelischen Krankenhaus Bielefeld (EvKB) auf und es dauerte nicht lange, bis die Zusage kam, das Bein weiter zu behandeln. „Unsere Geschäftsführung hat der Behandlung ohne zeitliches oder finanzielles Limit zugestimmt“, sagt Dr. med. Harald Niemeyer, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie im EvKB. „Nach der guten Erstbehandlung in Tunesien hatte der Patient das gebrochene Sprunggelenk leider belastet, was eine aufwändige chirurgische Versorgung notwendig machte.“ Diese wurde von Dr. Niemeyer im EvKB durchgeführt.

Während seines fast vierwöchigen Aufenthalts im EvKB traten bei Bukrara Phantomschmerzen in der rechten Hand auf, die er während des Unfalls verloren hatte. Dr. Niemeyer brachte seinen Patienten mit Martin Elbracht, Geschäftsführer des Sanitätshauses Rosenhäger, in Kontakt, das auch Prothesen herstellt und vertreibt. Gemeinsam mit Sami Elias suchte Martin Elbracht Ansprechpartner in der libyschen Botschaft in Deutschland. Und tatsächlich: Die Botschaft zeigte sich kooperativ und übernahm die Kosten für eine Armprothese.

Allerdings mussten zuerst zwei Wochen intensiver Physio- und Ergotherapie absolviert werden, um die Muskelreflexe in der Schulter zu trainieren. „Das war notwendig, da wir dem Patienten eine Prothese verschafft haben, die auf Muskelreize reagiert“, sagt Martin Elbracht. Anschließend wurde ihm in Göttingen die Prothese angepasst, an der er Ellenbogen, Handgelenk und die Greiffunktion der Hand steuern kann.

Wesam Bukrara ist mittlerweile in seine Heimat zurückgekehrt. Er arbeitet wieder an seinem alten Arbeitsplatz, in einer Ölfirma, für die er Mengenberechnungen am Computer erstellt. Die Behandlungskette aus Sami Elias’ Verein, Krankenhaus, Ärzten, Sanitätshaus und der Botschaft haben es ermöglicht, dass er viele Aufgaben des Alltags heute wieder selbständig ausführen kann.


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