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19.12.2011

Wo familiäre Betreuung an ihre Grenzen stößt


Heilerzieherin Jeanette Lösing (links) empfängt Edelgard Weichert und ihren Ehemann Klaus Weichert.

Leichte Sitzgymnastik in der Morgenrunde dient der Koordination und auch der Sturzprävention. Fotos: Manuel Bünemann

Bielefeld-Bethel. Vom Modellversuch zur Institution: Vor 25 Jahren ging in Bielefeld die landesweit erste gerontopsychiatrische Tagespflege an den Start. In dieser speziellen Einrichtung des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld (EvKB) werden Senioren mit psychischen Erkrankungen betreut.

Als Klaus und Edelgard Weichert gegen neun in der gerontopsychiatrischen Tagespflege an der Moltkestraße eintreffen, wird das Ehepaar von der Heilerzieherin Jeanette Lösing empfangen. Edelgard Weichert kann ihr Gegenüber nicht gleich einordnen. Die 72-Jährige hat Demenz. „Vor ungefähr sieben Jahren fing es an“, beginnt ihr Mann. „Meine Frau wurde zunehmend streitsüchtig und auch vergesslich.“ Er ging mit ihr zum Neurologen. Die Diagnose: „Demenz, und es geht in Richtung Alzheimer.“

Vor gut einem Jahr wurde für Edelgard Weichert die Orientierung in vertrauter Umgebung immer schwieriger. Die tägliche Belastung konnte ihr Ehemann nicht mehr alleine bewältigen.  Die Bewilligung der Pflegestufe II durch den Medizinischen Dienst der Pflegeversicherung ermöglichte es den Weicherts, das Angebot der Tagespflege zu nutzen. „In den Stunden, in denen meine Frau nun betreut wird, kann ich zum Beispiel einkaufen gehen, zum Arzt, oder mir persönliche Wünsche erfüllen“, sagt ihr Mann. Von morgens um neun bis nachmittags um halb vier – für das eigene Leben des 75-Jährigen sind das wenige wertvolle Stunden.

Bei der Tagespflege handelt es sich um ein Angebot, das es in Nordrhein-Westfalen erst seit 25 Jahren gibt. „Am 1. Dezember 1986 startete unsere gerontopsychiatrische Tagespflege als Modellversuch vom Familienministerium NRW“, erzählt Birgit Vogl, Leiterin der Einrichtung. Der Modellversuch wurde zur Institution. Heute gibt es in Bielefeld zehn Einrichtungen, die eine solche Tagespflege anbieten. Die Einrichtung in der Moltkestraße ist allerdings die einzige in Bielefeld, die zu einem Krankenhaus gehört. Sie ist Teil der gerontopsychiatrischen Abteilung des EvKB, die neben der Tagespflege eine eigene Tagesklinik mit 16 Plätzen, eine Institutsambulanz sowie 52 stationäre Betten führt.

Inzwischen sind weitere Besucher der Tagespflege eingetroffen. Das Wort „Patient“ wird hier nicht gebraucht, denn wer hierhin kommt, ist zwar alt und leidet häufig an einer Erkrankung, diese wurde jedoch in den meisten Fällen durch Ärzte austherapiert und steht bei der Tagespflege nicht im Vordergrund. „16 Personen betreut unsere Einrichtung am Tag. Insgesamt haben wir 28 Besucher“, sagt Birgit Vogl. Fünf kommen täglich, neun - darunter ist auch Edelgard Weichert - sind zwei Mal pro Woche in der Moltkestraße. „Nicht nur demenziell erkrankte Senioren werden hier betreut, sondern auch Senioren mit Depressionen, Psychosen oder einer Suchterkrankung“, zählt Birgit Vogl auf. 

Die Einrichtung bietet den Besuchern vielmehr einen schönen Tag als eine Therapie. Sitzgymnastik, Gespräche über das aktuelle Tagesgeschehen oder Ausflüge – beispielsweise zum Siegfriedmarkt. Dieses Angebot gilt jedoch nur für Besucher, die eine solche Aktivität nicht überfordert. Die Besucher können dabei Einkäufe tätigen, dadurch bleibt Selbständigkeit erhalten. Für Verpflegung wird in der Einrichtung gesorgt. Auch eine ausgiebige Mittagsruhe kommt nicht zu kurz, bevor Gruppenaktivitäten wie „Stadt, Land, Fluss“ dazu motivieren, im Gedächtnis zu kramen.

Für Besucher, die von Ihren Angehörigen nicht gebracht oder abgeholt werden können, gibt es einen Fahrservice. Klaus Weichert holt seine Ehefrau selbst ab. „In vielerlei Hinsicht hat meine Frau es hier besser“, bemerkt er nachdenklich. „Bei all dem, was ich durch die Erkrankung meiner Frau zu Hause zusätzlich im Haushalt zu tun habe, könnte ich ihr an individueller Zuwendung und Förderung gar nicht bieten, was hier geleistet wird.“


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