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Ida von Bodelschwingh 1835 – 1894. Ein Lebensbild

Kerstin Stockhecke und Claudia Puschmann

Ida von Bodelschwingh 1835-1894

„In dein Amt soll ich mich nicht mischen“, schrieb Ida von Bodelschwingh an ihren Ehemann, Friedrich von Bodelschwingh. Tat sie es oder tat sie es nicht – das ist eine von vielen Fragen, mit denen sich Kerstin Stockhecke und Claudia Puschmann befasst haben. Die Ergebnisse ihrer Nachforschungen stellen die Bielefelder Historikerinnen nun in ihrem Buch „Ida von Bodelschwingh 1835 – 1894. Ein Lebensbild“ vor, das der Verlag für Regionalgeschichte in Zusammenarbeit mit dem Bethel-Verlag veröffentlicht hat.

Ida von Bodelschwingh, die ihren Mann von Paris über Dellwig nach Bielefeld-Bethel begleitete, war Mutter und zuständig für die Haushaltsführung. Aber da war noch mehr: Der Beruf ihres Mannes bot ihr ein eigenes Arbeitsfeld, das auch sie „Beruf“ nannte. Anhand von mehr als 500 Briefen zeichnen die Autorinnen das Lebensbild der Ida von Bodelschwingh. Die Briefe, geschrieben an ihren Ehemann, ihre Eltern, Geschwister und Kinder, gewähren einen ganz privaten Einblick in das Leben einer Frau im 19. Jahrhundert, mit all ihren Gedanken und Gefühlen, Sorgen und Nöten. Es zeigt den Alltag von Ida von Bodelschwingh an der Seite ihres immer bekannter werdenden Mannes, der vom Großstadt- zum Dorf-Pfarrer wurde und der ab 1872 mit unermüdlichem Eifer die später nach ihm benannten diakonischen Anstalten in Bielefeld aufbaute. Bis zu ihrem frühen Tod sollte sie seine treue und ergebene Gehilfin bleiben.

Geboren wurde Ida von Bodelschwingh 1835 auf dem Wasserschloss Haus Heyde bei Unna. Hier und in Berlin, wohin ihr Vater 1851 als preußischer Finanzminister berufen wurde, genoss Ida eine standesgemäße Mädchenerziehung. Friedrich von Bodelschwingh kannte sie schon seit ihrer frühsten Kindheit – die beiden waren Cousine und Cousin. Wenige Tage nach ihrem 26. Geburtstag heiratete sie Friedrich von Bodelschwingh. Mit dem jungen Pfarrer hatte sie acht Kinder, führte ihm und der rasch wachsenden Familie den Haushalt – unter bescheidenen Bedingungen in der Metropole Paris, im Pfarrhaus in dörflichen Dellwig bei Unna oder in der stark expandierenden diakonischen Einrichtung in Bielefeld.

Nahmen die sieben Kriegswochen 1866 Ida bereits sehr mit – sie bangte um ihren Mann, der im preußisch-österreichischen Krieg als Soldatenpastor an die Front ging – so brach drei Jahre später über dem Pfarrer-Ehepaar ein ganz persönliches Katastrophenjahr herein. Hilflos mussten sie zusehen, wie ihre vier Kinder binnen zwölf Tagen vom Keuchhusten hinweggerafft wurden. Ein Schicksalsschlag für das junge Paar, unter dem Ida, die bald wieder schwanger war, lange leiden sollte. Neben ihrem tief verwurzelten Glauben war die Liebe zur Musik eine wichtige Stütze in schweren Zeiten. Ihre Freundin Caroline von Zacha bezeichnete Ida als „eine Meisterin auf dem Klavier und eine große Freundin und Kennerin der kirchlichen Musik“. Klavierspiel und Gesang dienten ihr oft als Ventil ihrer Gefühle. „Was Mutter sonst selten in Worten aussprechen kann, das drückt sie in Melodien aus“, erinnerte sich ihr jüngster Sohn Friedrich später.

„Dass ich anderen dienen darf mit meinen paar Kräften“ freut sich Ida, als sie 1871 in Bethel ihren „Dienst“ als Assistentin ihres Mannes antritt. Das Paar zieht mit dem vierjährigen Wilhelm und dem einjährigen Gustav in die noch junge „Anstalt für epileptische Knaben“ nach Bielefeld. Hier werden Frieda und schließlich Friedrich geboren, der später einmal – genannt „Pastor Fritz“ – die Nachfolge Friedrich von Bodelschwinghs antreten wird. Als Frau des Anstaltsleiters machte Ida Krankenbesuche, sortierte Post und verfasste Dankesbriefe. Friedrich von Bodelschwingh vertraute seiner Frau und räumte ihr Freiräume ein, forderte von ihr aber auch eine beträchtliche Arbeitsleistung. Viele Schreiben verfasste Ida von Bodelschwingh selbstständig, während seiner Abwesenheit – der emsige Spendensammler reiste viel – organisierte sie die Predigtdienste. Sogar zum Arbeitsurlaub nach Norderney beorderte Friedrich von Bodelschwingh die „Gehilfin meiner Pilgerschaft“, wie er seine Frau einst bezeichnete.

Mit zunehmendem Alter setzte Ida von Bodelschwingh die Rastlosigkeit ihres Gatten immer mehr zu. In einem Brief vom Oktober 1885 führt sie ihm vor Augen, wie wenig er sich um seine Familie kümmert: „Bei uns ists Sonntags meist so: zuerst Frühstück und Morgenandacht ohne den Papa – er kam den ganzen Sonnabend ja nicht zum Studieren; wenn keine Hauptpredigt, dann dringende Briefe zu erledigen – verspätetes eiligstes Mittagessen, wo man zu müde ist mit den Seinen zu sprechen – 10 Minuten Schlaf, im Trabe in die Brüderstunde! im Stürmen 1 Schluck Kaffee – Schwersterntag, Conferenz, Besuche und dergleichen – Abendpredigt, dringende andere Sachen zu erledigen – Frau und Kinder sind und bleiben allein.“

Bei der seit frühster Jugend kränkelnden Frau häufen sich körperliche und psychische Beschwerden, allem voran schwere, monatelange Depressionen. Als Orientierungsprobleme und Zustände geistiger Verwirrung das tragbare Maß übersteigen, bringt sie ihr Mann in die „Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus“ bei Lemgo. Hier stirbt Ida von Bodelschwingh am 5. Dezember 1894. Sie wird nur 59 Jahre alt. Als Todesursache führt ihr behandelnder Arzt ein „Gehirnleiden“ an. Sie selbst blickt dem Tod in freudiger Erwartung entgegen: „Ach, wird das ein Ausruhen sein bei meinem treuen Heiland.“

Kerstin Stockhecke und Claudia Puschmann: Ida von Bodelschwingh 1835 – 1894. Ein Lebensbild. Bielefeld 2007. 144 Seiten. 12,40 EuroVerlag für Regionalgeschichte: ISBN 978-3-89534-693-4, Bethel-Verlag: ISBN 978-3-935972-18-5

 
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