Forschung

Bethel unterstützt seit vielen Jahrzehnten die wissenschaftliche Erforschung seiner Geschichte. Die Themengebiete reichen von der Diakonie- und Sozialgeschichte, über die Kirchengeschichte, bis zur Medizin- und Pflegegeschichte. Die historischen Bestände im Hauptarchiv Bethel bieten eine gute Quellenbasis für die historische Forschung. Regelmäßig entstehen Monografien, Aufsätze, Studien- und Facharbeiten zu verschiedenen Aspekten der Vergangenheit. Große mehrjährige Forschungsprojekte werden im Folgenden vorgestellt.

In der Bibliografie zur Geschichte Bethels gibt es einen Überblick über die wissenschaftliche Literatur. 

Akten im Hauptarchiv

Archiving Residential Children’s Homes

Derzeit läuft das Forschungsprojekt „Back to the Future: Archiving Residential Children’s Homes in Scotland and Germany (ARCH)“, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Arts&Humanities Reserach Council“. Prof. Dr. Florian Eßer, Dr. Maximilian Schäfer und Jelena Wagner B.A. von der AG Sozialpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Osnabrück forschen zur Dokumentation des Lebens von Kindern und Jugendlichen in staatlicher Obhut und dem sozialen Potential der Aktenlage. Dazu gehört auch die Untersuchung der historischen Praxis der Archivierung von Ereignissen und Erinnerungen im Alltagsleben von Kindern und Jugendlichen in der bundesrepublikanischen Heimerziehung, die vor allem am Beispiel Freistatts untersucht wird.

Frauen im Pflegehaus Groß-Bethel, 1937

Alltag in Bethel zwischen 1924 und 1949

Unter der Leitung von Dr. Uwe Kaminsky (Ruhr-Universität Bochum) startete im September 2017 das Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft „Patienten im 'Großbetrieb der Barmherzigkeit' – Die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel 1924 bis 1949". Ziel ist es, eine möglichst umfassende Alltagsgeschichte von Patienten in den v. Bodelschwinghschen Anstalten wiedergeben zu können und genauere Aussagen über die medizinische Versorgung sowie über die Bedeutung von Arbeit im Rahmen eines Anstaltsaufenthaltes zu tätigen. Quellenbasis für dieses Vorhaben bilden mehr als 2.000 Patientenakten aus dem Hauptarchiv Bethel. Als Vergleichsstichprobe für eine staatliche Einrichtung werden Patientenakten der Provinzialheilanstalt Gütersloh ausgewertet.

Diakonissen mit Kindern aus dem Haus Bethsaida, Ende der 1950er Jahre

Arzneimittelprüfungen an Minderjährigen

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Arzneimittelprüfungen an Minderjährigen im Langzeitbereich der Stiftung Bethel in den Jahren 1949 bis 1975“ untersucht die Frage, inwieweit und unter welchen Umständen in diesem Zeitraum in Deutschland noch nicht zugelassene Medikamente (neu entwickelte BRD-Medikamente und importierte non-BRD-Medikamente) bei Kindern und Jugendlichen in Bethel angewendet worden sind. Die Medizinhistorikerin und Psychiaterin Prof. Dr. Maike Rotzoll/Heidelberg, der Kinderneurologe Prof. Dr. Dietz Rating/Heidelberg und der Historiker Dr. Niklas Lenhard-Schramm/Münster haben die Studie über zweieinhalb Jahre intensiv erarbeitet. Dabei spielte die Auswertung von Patientenakten aus dem Hauptarchiv Bethel eine besondere Rolle. Die Forschungsergebnisse gibt es auch in einer Kurzfassung

Frauen mit Epilepsie bei Besuch der Kunsthalle, 1975

Lebensbedingungen in Bethel von 1960 bis 1980

Das im Jahr 2018 veröffentlichte Buch „Aufbrüche und Umbrüche. Lebensbedingungen und Lebenslagen behinderter Menschen in den v.  Bodelschwinghschen Anstalten Bethel von den 1960er bis zu den 1980er Jahren“ der beiden Historiker Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl und Dr. Ulrike Winkler behandelt den Lebensalltag sowie die Lebensbedingungen in den damaligen v. Bodelschwinghschen Anstalten. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Entwicklung von einer "totalen Institution" zur "Normalisierung", hin zu einem selbstbestimmten Leben der Bewohner und Bewohnerinnen in der Anstalt. Das Endprodukt ist das Ergebnis von Archivrecherche im Hauptarchiv Bethel, Auswertung von Überlieferungen des evangelischen Fachverbandes für Behindertenarbeit in Berlin sowie rund 40 geführten Interviews mit ehemaligen Mitarbeitenden und Bewohnern.

Literatur:

Schmuhl, Hans-Walter/ Winkler, Ulrike, Aufbrüche und Umbrüche. Lebensbedingungen und Lebenslagen behinderter Menschen in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel von den 1960er bis zu den 1980er Jahren, (= Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an derKirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel; 29), Bielefeld 2018.

Kinderkrankenhaus Sonnenschein, um 1930

Das Kinderkrankenhaus Sonnenschein

Seit 2016 liegt zum Kinderkrankenhaus Sonnenschein in der Zeit 1929 bis 1950 eine wissenschaftliche Studie vor. Nachdem in einer Veröffentlichung „Bethel in der NS-Zeit“ (2014) die Autorin Barbara Degen ohne Belege oder Quellennachweise den Vorwurf erhoben hatte, die Sterberate unter den akut erkrankten Kindern im Kinderkrankenhaus Sonnenschein weise auf „Kindereuthanasie“ hin, hatte Bethel den Historiker Dr. Karsten Wilke (heute Medizinische Hochschule Hannover) mit der Erforschung aller Quellen beauftragt. Die Ursachen für die Sterblichkeit in einem Kinderkrankenhaus wurden quantitativ und qualitativ analysiert. Entstanden ist eine 70-seitige Studie, die weder auf bewusste Tötungen verweist noch die Sterberate abschließend als hoch einstuft.

Literatur:

Wilke, Karsten, Das Betheler Kinderkrankenhaus ‚Sonnenschein‘ 1929-1950. Annäherung an die Geschichte eines Krankenhauses im Kontext von Nationalsozialismus und Krieg, in: Matthias Benad/ Hans-Walter Schmuhl/ Kerstin Stockhecke, Bethels Mission (4).  Beiträge von der Zeit des Nationalsozialismus bis zur Psychiatriereform (= Beiträge zur Westfälischen Kirchengeschichte; 44), Bielefeld 2016, S. 45-116. Zum PDF

Jugendliche bei der Arbeit im Moor, 1954

Fürsorgeerziehung in der Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre

Unter dem Titel „Endstation Freistatt“ wurde 2009 zum ersten Mal eine historische Untersuchung über die Fürsorgeerziehung in einer diakonischen Einrichtung veröffentlicht. Der Sammelband ist das Ergebnis einer gut zweijährigen Aufarbeitung der Freistätter Heimkinder-Geschichte, herausgegeben von Matthias Benad, Hans-Walter Schmuhl und Kerstin Stockhecke. Neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Quellen lassen sich auch die Aussagen ehemaliger Betroffener in dem Buch finden.

Der Spielfilm „Freistatt“ (2015) zeigt das Schicksal eines 14-Jährigen in der Fürsorgeerziehung der 1960er Jahre und nimmt reale Verhältnisse der damaligen Zeit auf. Im historischen Gebäude „Moorhort“, einem der Drehorte für den Spielfilm, wird eine Dauerausstellung zur Geschichte der Fürsorgeerziehung in Freistatt gezeigt.

Literatur:

Benad, Matthias/ Schmuhl, Hans-Walter/ Stockhecke, Kerstin (Hg.), Endstation Freistatt – Fürsorgeerziehung in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bis in die 1970er Jahre (= Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel; 16), Bielefeld 2009/2011.

Auf den großen Ländereien in Eckardtsheim waren ab 1939 auch Zwangsarbeiter eingesetzt

Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in Bethel

Mit dem Sammelband „Zwangsverpflichtet. Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter(-innen) in Bethel und Lobetal 1939 – 1945“ richten die Herausgeber Matthias Benad und Regina Mentner ihren Blick auf die v. Bodelschwinghschen Anstalten und ihre Verhältnis zum Nationalsozialismus. Dargelegt wird der Einsatz von zivilen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in den unterschiedlichen Einrichtungen und Ortschaften der Anstalt. Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene wurden vor allem im landwirtschaftlichen Bereich eingesetzt. Mit der Veröffentlichung dieses Buches stellte sich Bethel als erste diakonische Einrichtung diesem Teil ihrer Vergangenheit.

Literatur:

Benad, Matthias/ Mentner, Regina (Hg.), Zwangsverpflichtet. Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter (-innen) in Bethel und Lobetal 1939-1945, Bielefeld. 2002.