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Bethel und seine Wälder

Bethel und seine Wälder

Im Tal des „Bubo bubo“

Feines Holzmehl rinnt aus winzigen Löchern, als Jörg Ermshausen mit seinen Fingern über die entrindete Stelle an einem aufrechten „toten“ Baumstamm streicht. „Hier haben Käfer fleißig gebohrt“, erklärt er. „Und ganz da oben hat ein Specht sein Zuhause gefunden.“ Interessanter findet Bethels Förster aber die selteneren Konsolenpilze, die sich wie kleine Teller den Stamm hinauf angesiedelt haben. „Für viele Tier- und Pflanzenarten ist das Totholz in unserem Bethel-Wald ein wichtiger Lebensraum. Darum lasse ich es häufig stehen.“

Es ist schwül-heiß, als Jörg Ermshausen am heutigen Nachmittag einen Forstabschnitt im Teutoburger Wald oberhalb des Bethel-Tals inspiziert. Das dichte und sanft rauschende Laubwalddach spendet ihm aber kühlen Schatten. Hier und da bleibt er stehen und begutachtet die Umgebung. Oft sind es kleine Details, die ihm auffallen, zum Beispiel orangerote Pusteln an einer Buche, oder Rinde, die sich von einem Baum ablöst. Beides kann auf eine Erkrankung hinweisen.

Jörg Ermshausen kann den Zustand des Betheler Waldes „lesen“ wie wenige andere Menschen. Seit 25 Jahren arbeitet er als Förster für Bethel. „Unserem Wald geht es gut. Er ist insgesamt gesund“, bemerkt er zufrieden, als er eine Lichtung auf einer Anhöhe erreicht. Von hier aus hat man einen eindrucksvollen Blick hinab in das Tal und auf die Wipfel unzähliger Bäume.

Allein die Esche bereitet Jörg Ermshausen Sorgen. An einer Stelle im Wald erreicht deutlich mehr Sonne den Waldboden. Der Diplom-Forstwirt deutet nach oben zu den lichten Baumkronen. Kein einziges Blatt hängt an den Ästen. Das Eschentriebsterben werde durch einen Pilz verursacht, so Jörg Ermshausen. „Die Bäume werden so stark geschädigt, dass wir sie fällen müssen. Wenn das so weitergeht, haben wir hier in 20 Jahren vielleicht keine Eschen mehr“, befürchtet er.

 

 

 

Fast die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt Jörg Ermshausen draußen. Zu seinem Verantwortungsbereich gehören 500 Hektar Wald in Bielefeld, Freistatt und Homborn. Weitere 300 Hektar besitzt Bethel in Brandenburg – in Lobetal, Blütenberg und Reichenwalde. Diese werden allerdings nicht von einem Bethel-eigenen Förster verwaltet, sondern von Forstbetriebsgemeinschaften. Die Wälder und Naturflächen gehören seit der Gründung Bethels an verschiedenen Standorten dazu.

430 Kilometer von Bielefeld entfernt, in Lobetal im Kreis Barnim nördlich von Berlin, lenkt ein anderer Förster seinen Geländewagen über holprige Wege durch ein Waldstück. Friedrich Hesse arbeitet für eine Forstbetriebsgemeinschaft, in der sich rund 40 private Waldbesitzer zusammengetan haben, darunter viele Kirchengemeinden und die Hoffnungstaler Stiftung Lobetal.

Friedrich Hesse steuert auf einen markanten Baum mit ungewöhnlich kantiger Rindenstruktur zu. Dort wird er bereits von Dr. Hans-Günther Hartmann, dem Vorsitzenden der Forstbetriebsgemeinschaft, erwartet. Dr. Hartmann ist hauptberuflich Leiter der Landwirtschaft der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal. Den prächtigen Laubbaum haben sie aus gutem Grund als Treffpunkt für ein Kurzinterview ausgewählt. Die „Robinie“ ist ein besonders hochwertiger Baum, weshalb sie besonders stolz auf ihr Vorkommen sind. Ihr Holz ist äußerst hart und sogar witterungsbeständiger als das der Eiche. „Wir haben hier viele Robinien, die natürlich einen gewissen wirtschaftlichen Wert für uns darstellen“, sagt Dr. Hans-Günther Hartmann. Friedrich Hesse stimmt ihm zu. „Ansonsten haben wir hier überwiegend Kiefern, für die wir niedrigere Festmeter-Preise erzielen“, so der Förster.

Die Einnahmen aus dem Verkauf gefällter Bäume bleiben bei den Wald-Eigentümern der Betriebsgemeinschaft. Seit der deutschen Wende sei der Lobetaler Wald systematisch mit besseren und ertragsreicheren Arten umgestaltet worden, berichtet Friedrich Hesse. Die Nadelbäume würden zunehmend vor allem durch Buchen, aber auch durch Eichen oder Linden ersetzt. „Mittlerweile ist unser Wald ein gut sortierter Gemischtwarenladen“, findet Friedrich Hesse.

 

 

 

Auf insgesamt knapp 1.000 Hektar Wald bringt es die Forstbetriebsgemeinschaft. Davon gehören etwa 190 Hektar zur Stiftung Lobetal – verteilt auf die Standorte Lobetal und Blütenberg. Die etwa 110 Hektar Wald, die die Stiftung zudem noch in Reichenwalde besitzt, werden von einer anderen Forstbetriebsgemeinschaft verwaltet. „Für einen eigenen Förster wären unsere Flächen zu klein“, begründet Dr. Hartmann das Modell. Die Entstehung der Forstbetriebsgemeinschaft im Kreis Barnim, die in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feierte, habe zudem einen historischen Hintergrund gehabt. Zu DDR-Zeiten hätten die Waldbesitzer ihre Wälder durch den Zusammenschluss vor dem Zugriff durch den Staat bewahren wollen – was auch gelang.

Friedrich Hesse setzt seine Fahrt durch den Forst fort. Auch der Wald in Lobetal sei insgesamt in einem guten Zustand, erzählt er, während links und rechts Nadelbäume vorbeiziehen. Die Kiefer sei relativ gesund. Größere Probleme gebe es bei der Fichte. „Weil 2016 ein sehr trockenes Jahr war, hatten wir danach einen starken Anstieg an Borkenkäfern“, erklärt er. Mit Blick auf den gesamten Wald gebe es auch vereinzelte Probleme mit Prachtkäfern, Eichenprozessionsspinnern oder Nonnen-Faltern.

Der Förster verlässt mit seinem Wagen den dichten Wald. Vor ihm erstreckt sich eine weite hügelige Lichtung mit unzähligen alten Obstbäumen. „Diese Kirsch- und Apfelbäume sind bis zu 50 Jahre alt“, erzählt Friedrich Hesse. Die Bäume seien von behinderten Beschäftigten der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal für den Eigenbedarf in den Einrichtungen gepflanzt worden. Diese Plantagen würden teilweise nicht mehr abgeerntet, aber er lasse viele Obstbäume bewusst stehen, weil sie das Gebiet bereicherten.

Friedrich Hesse lässt seine Forstarbeiten von privaten Holzeinschlag-Unternehmen erledigen – genauso wie Jörg Ermshausen. „Eigene Waldarbeiter haben wir schon lange nicht mehr. Das haben wir vor etwa 20 Jahren aufgegeben“, so Jörg Ermshausen.

Der Wald in Bielefeld-Bethel ist wie in Lobetal ein Mischwald. Buchen und Eichen wachsen hier allerdings naturgemäß in weiten Teilen. „Außerdem hat unser Wald eine gute Altersstruktur. Dadurch ist er sehr schädlingsresistent und widerstandsfähig bei Stürmen“, erklärt Jörg Ermshausen. Ein Übergewicht an Nadelbäumen gebe es allein in seinen Forstbereichen mit überwiegend sandigem Boden, zum Beispiel in Bielefeld-Eckardtsheim.

Jörg Ermshausen ist auch verantwortlich für rund 1.400 Hektar Moorlandschaft in Niedersachsen. Im „Freistätter Moor“ haben es ihm neben der einmaligen Pflanzenwelt auch einige Tiere angetan. „Wir haben dort Wasserbüffel angesiedelt. Vor etwa vier Jahren sind wir mit einem Bullen und vier Kühen gestartet. Heute leben im Moor elf Tiere“, freut er sich. Die Büffel seien aus Naturschutzgründen sinnvoll. Sie könnten auf sehr wasserreichem Untergrund weiden. Einen ähnlich hohen Nutzen hätten die rund 100 Ziegen in dem Naturschutzgebiet, weil sie Hölzer besser abfressen als Schafe.

 

 

 

Beim Thema Ziegen und Schafe kommt Jörg Ermshausen aber noch ein anderer Vierbeiner in den Sinn: der Wolf. „Wir haben definitiv ein Wolfproblem in den Moorniederungen“, berichtet er. Wölfe hätten bereits mehrere Schafe und Ziegen und sogar ein Kalb gerissen. „Ich begrüße, dass der Wolf wieder heimisch wird. Wir müssen aber lernen, mit ihm umzugehen“, so sein Standpunkt. Wichtig sei, dass der Wolf sich den Respekt vor dem Menschen bewahre. Und dort, wo er Nutztiere gefährde, müsse man ihn „vergrämen“, zum Beispiel durch Herdenschutzhunde.

Jörg Ermshausen kann von vielen „tierischen Erlebnissen“ berichten. Einige erlebt er selbst, andere werden ihm zugetragen. Als Förster werde er zum Beispiel angerufen, wenn ein Waschbär auf dem Dachboden einer Bethel-Einrichtung Rabatz mache oder ein Fuchs sich auf die Terrasse der Kinderklinik Bethel verirre.

Der Bethel-Förster kennt die verborgensten Orte und einige Geheimnisse „seines“ Waldes. In einem abgelegenen Steinbruch deutet er hinauf zu einem Felsvorsprung. „Dort oben lebt ein Uhu-Pärchen!“, sagt er stolz. Es habe lange in einem anderen Steinbruch gelebt, der aber für Wandertouristen sehr gut zugänglich gewesen sei. Um der geschützten und weltweit größten Eulenart mit dem wissenschaftlichen Namen „Bubo bubo“ mehr Ruhe und Schutz zum Brüten zu geben, hätten Fachleute das neue Zuhause artgerecht verändert und es so attraktiv gestaltet, dass das Uhu-Pärchen „umgezogen“ sei.

Fotos: Gunnar Kreutner

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