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1940 bis 1960 - Der zweite Weltkrieg und seine Folgen

20.1.1940
Benachrichtigung der Anstalten und Heime durch den Reichsverteidigungskommissar. Verlegung Kranker in Sammeltransporten ohne Benachrichtigung der Angehörigen. Mitte April 1940 beginnt der Abtransport aus einigen Anstalten. Kurze Zeit darauf erscheinen merkwürdige Todesanzeigen in den Zeitungen. Es ist die Rede von sofortiger Einäscherung der Toten. Pastor Paul Gerhard Braune, Leiter der Hoffnungstaler Anstalten und Vizepräsident des Zentralausschusses für Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche untersucht diese Todesfälle. Er stellt Unstimmigkeiten fest. So trägt die Urne eines am 10. April Verstorbenen aus Grafeneck z.B. die Nr. A 498. Am 12. Mai trägt die Urne eines anderen Verstorbenen in Grafeneck die Nr. A 1092. Am 28. Juni schon die Nr. A 3111. Die Anstalt Grafeneck zählt aber nur 100 Betten. Pastor Braune und Fritz v. Bodelschwingh werden mit diesen Ergebnissen bei Regierungsstellen vorstellig, erhalten aber keine Resonanz.

9.7.1940
Pastor Braune veröffentlicht die erzielten Ergebnisse daraufhin in Form einer Denkschrift.

14.6.1940
An diesem Tag erhält auch Bethel Meldebogen. Bethel verweigert das Ausfüllen.

12. 8.1940
Pastor Paul Gerhard Braune, Anstaltsleiter der zu Bethel gehörenden Hoffnungstaler Anstalten Lobetal und Bürgermeister von Lobetal, wird von der Gestapo verhaftet und in das berüchtigte Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin gebracht, wo er drei Monate in „Schutzhaft“ festgehalten und verhört wird.

Grund für die Festnahme war Braunes Einsatz für Verfolgte, und vor allem sein Kampf gegen die Euthanasie. Nachdem erste Gerüchte über Morde an Patienten aufgekommen waren, recherchierte Pastor Braune und sammelte Beweise für die staatlich verordneten, aber streng geheimen Untaten. Fritz von Bodelschwingh unterstützte ihn dabei. Anfang Juli schickte Paul Braune seine Ergebnisse an Adolf Hitler, Hermann Göring und Justizminister Gürtner und protestiert in einer Denkschrift energisch gegen die Tötung.

An den mutigen Einsatz des Lobetaler Anstaltsleiters erinnerte im Sommer 2010 eine Sonderausstellung in der Gedenkstätte „Topografie des Terrors“ in Berlin.

5.9.1940
Die Anstalt erhält ein Schreiben des Reichsministeriums des Innern mit der Aufforderung die jüdischen Anstaltsbewohner zur Verlegung in eine andere Anstalt fertig zu machen. Daraufhin schreibt Bethel deren Familien an, mit der Bitte, ihre Angehörigen abzuholen. Betroffen sind 13 jüdische Bewohner. Sechs werden von ihren Familien nach Hause geholt, sieben kommen in ein Sammellager nach Wunstorf und von dort in eine Tötungsanstalt.

Anfang 1941
Die Anstaltsleitung stellt fest, dass diejenigen Anstalten die die Meldebogen nicht ausgefüllt haben, von einer staatlichen Ärztekommission besucht werden, die die Patienten vor Ort untersuchen. Bethel befürchtet ein wahlloses herausgreifen von Patienten. Deshalb beginn man in Bethel die eigenen Bewohner in Kategorien einzuteilen, um die Zahl der Betroffenen möglichst gering zu halten. Ein Kriterium ist dabei die Leistungsfähigkeit der Untersuchten.

17.2.1941
Das erste Mitglied der Ärztekommission kommt zu Vorgesprächen nach Bethel.

26.2.1941
Die Arbeit der Ärztekommission ist beendet, die Ergebnisse der Betheler Vorkategorisierung wurden weitgehend übernommen. Bodelschwingh stellt noch einmal seine Einwände gegen die Euthanasie heraus, erzielt aber keine Wirkung.

März 1941
Letzter "Bote von Bethel" erscheint. Das NS-Regime verbietet die Kirchenpresse.

24.8.1941
Offizieller Euthanasie-Stopp. Bis zu diesem Zeitpunkt sind außer den sieben jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern keine weiteren Bewohner aus Bethel abgeholt worden.

Bethel und Euthanasie. Zitate aus einem WDR-Interview April 1992:

Frage: Wie ist Bethel mit der Euthanasie fertig geworden?

Hans-Walter Schmuhl: Man muss sich vergegenwärtigen, dass Westfalen zu den Gebieten gehörte, in denen erst relativ spät die Euthanasiemaßnahmen angelaufen sind, so dass man in den v. Bodelschwinghschen Anstalten schon sehr genau Bescheid wusste und schon Vorstellungen hatte, wie man sich verhalten konnte. Zum anderen konnte man ganz klar sehen, dass der Abbruch der Massentransporte und der Massenvergasungen im August 1941 gerade rechtzeitig gekommen ist, um größere Verlegungen aus Bethel zu verhindern, die an sich im Februar 1941 schon beschlossene Sache gewesen sind. Man muss davon ausgehen, dass, wenn die Massentransporte weitergelaufen wären, etwa 400 bis 450 von 3000 Bethelpatienten den Tod gefunden hätten. Insofern haben auch glückliche Umstände eine Rolle gespielt, dass aus Bethel relativ wenig Patienten weggekommen sind.

Neben den sieben jüdischen Patienten, die 1940 aus Bethel weiterverlegt worden sind und im ehemaligen Zuchthaus Brandenburg den Tod gefunden haben, muss man davon ausgehen, dass eine bislang unbekannte Anzahl von Bethelpatienten im Rahmen der so genannten "wilden Euthanasie" aus Bethel in andere Anstalten weiterverlegt wurde und von dort in die Zentren der "wilden Euthanasie" geschafft worden ist.

1945
Bis Kriegsende erfolgen elf Luftangriffe auf Bethel; 25.000 Brandbomben und 70 Sprengbomben fielen. 1.100 Pflegeplätze gingen verloren. Über 100 Häuser wurden getroffen; 15 Häuser wurden völlig zerstört; 58 Tote hatte Bethel durch Luftangriffe zu beklagen; 519 Glieder der Zionsgemeinde sind gefallen oder gestorben.

1945 bis Ende 1950
Bethel erhält Tausende von Anfragen nach vermissten Angehörigen. Stimmen der Kirchen und vieler anderer Stellen werden laut, "Bethel möchte helfen". Bethel richtet als erste Organisation dieser Art den Suchdienst Bethel ein. Bis zu 80 Mitarbeiter arbeiten im Suchdienst. Ende 1950 enthält die Kartei drei Millionen Namen.

24.12.1945
Trotz schwerer Krankheit spricht Pastor Fritz das letzte Mal in der Zionskirche zur Christvesper. Fritz v. Bodelschwingh stellt den Gottesdienst unter den Vers: „Aus tausend Traurigkeiten zur Krippe gehn wir still; das Kind der Ewigkeiten uns alle trösten will.“

4.1.1946
Fritz v. Bodelschwingh stirbt.

10.1.1946
Der Vorstand beruft den Konsistorialrat Rudolf Hardt zum Nachfolger von Fritz v. Bodelschwingh. Hardt hat sich in den ersten Jahren seiner Amtszeit vor allem dem Wiederaufbau zu widmen. Insgesamt war Bethel von 11 Luftangriffen betroffen, bei denen über „1100 Betten für Pfleglinge ... und über 70 Wohnräume vernichtet“ worden waren.

19.7.1947
Professor Brandt, Organisator der Euthanasie, Beim Nürnberger Prozess: „Pastor v. Bodelschwingh ist der einzige ernsthafte Warner gewesen, der mir persönlich bekannt wurde.“ Die Anstaltsleitung reicht ohne Erfolg ein Gnadengesuch für Brandt ein. Er wird zum Tode verurteilt und hingerichtet.

1949
Das "Evangelisches Pressehaus" baut seinen Sitz in Bethel; Pressedienst, Rundfunkstudio, evangelisches Sonntagsblatt "Unsere Kirche" werden von hier betreut.

1953
Gründung der Ravensberger Schwesternschaft als zweiter Schwesternschaft unter dem Dach Sareptas. Diese Schwesternschaft versteht sich als Glaubens- und Dienstgemeinschaft, jedoch nicht als Lebensgemeinschaft christlicher Frauen.

15.5.1955
Beginn der einjährigen Pflegevorschule Bethel für junge Frauen.

1956
Gründung der Gesellschaft für Epilepsieforschung.

25.7.1957
Grundsteinlegung der "Beckhof-Siedlung" in der Senne für heimatlose Ausländer, die so genannten Displaced persons“.

1957
Bundeskanzler Adenauer besucht Bethel.

1958
Bethel erwirbt das Gut Homborn in der Nähe von Hagen als Ersatz für das Gelände des Heimathofes in der Hermannsheide. Die Hermannsheide wird ein Truppenübungsplatz der britischen Rheinarmee.

8.12.1959
Grundsteinlegung für den Neubau der Epilepsieklinik Mara.

29.10.1959
Rudolf Hardt stirbt. Sein Nachfolger wird Friedrich v. Bodelschwingh (Enkel des ersten Bodelschwinghschen Anstaltsleiters).

1959
Die bisher aus Bethel mitverwalteten Teilbereiche Eckardtsheim und Freistatt erhalten den Status von Tochteranstalten ebenso Homborn.

 

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