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Bethel und die Fürsorgeerziehung in der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre

Freistatt galt in den 1950er und 1960er Jahren als eine der härtesten Einrichtungen der Jugendfürsorgeerziehung in der Bundesrepublik. Die „Fürsorgezöglinge“ waren repressiven Erziehungsmethoden ausgeliefert und mussten schwerste Arbeit im Moor bei der Torfgewinnung leisten, waren Gewalt und Unrecht ausgesetzt.

Die kritische Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Heimkinder begann in der Bundesrepublik mit dem Buch von Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herrn!“, das 2006 erschien. Kurz darauf hatte Bethel ihn nach Freistatt zum Gespräch und zur Lesung aus seinem Buch eingeladen; er war mehrfach in Freistatt. Das Wensierski-Buch war für Bethel ein weiterer Anlass, sich kritisch mit der eigenen Fürsorgeerziehung auseinanderzusetzen.

Einen Artikel zur Lesung von Peter Wensierski aus DER RING (06/2006) finden Sie hier

Das Buch "Endstation Freistatt"

Unter dem Titel „Endstation Freistatt“ ist 2009 die Aufarbeitung der Freistätter Heimkinder-Geschichte erschienen. Mit dem Buch wird zum ersten Mal eine wissenschaftlich fundierte historische Untersuchung über die Fürsorgeerziehung in einer diakonischen Einrichtung veröffentlicht. Das Buch ist das Ergebnis einer gut zweijährigen Forschungsarbeit. Neben der wissenschaftlichen Darstellung und Aufarbeitung der Quellen stehen auch die Aussagen und Einschätzungen ehemaliger Betroffener in dem Buch. Etwa 7 000 Jungen wurden zwischen 1949 und 1974 in Freistatt erzogen. Die Erinnerungen ehemaliger Zöglinge skizzieren ein düsteres Bild von ihrem damaligen Anstaltsalltag.

Titelbild "Endstation Freistatt"

„Die Fürsorgeerziehung in den 1950er und 1960er Jahren geschah auch in den Betheler Einrichtungen in einem System, das häufig von Gewalt, Einschüchterung und Angst geprägt war. (…) Die Ergebnisse, die in dem vorliegenden Buch vorgestellt werden, bestätigen die erschütternden Erzählungen der Heimkinder zu einem großen Teil. So steht mit Erscheinen dieses Buches außer Frage, dass unter dem Namen Bethels junge Menschen unter den Bedingungen des Heimlebens gelitten haben. Dafür bitte ich im Namen Bethels in aller Form um Entschuldigung und von Herzen um Vergebung.“ So schreibt Bethels Vorstandsvorsitzender Pastor Ulrich Pohl 2009 in seinem Geleitwort zu dem Buch „Endstation Freistatt“.

Weitere Informationen zum Buch gibt es hier

Zum Bethel-Verlag

Der Film "Freistatt"

Der Spielfilm „Freistatt“ über das Schicksal eines 14-jährigen in der Fürsorgeerziehung der 1960er Jahren kam 2015 bundesweit in die Kinos.

Kurzinhalt
(Quelle: Presseheft / Zum Goldenen Lamm Filmproduktion GmbH & Co.KG)  

Der Film zeichnet den Weg des jungen Wolfgang nach, der in bürgerlichen Verhältnissen bei seiner Mutter und seinem Stiefvater aufwächst. Mit 14 Jahren wird er von seiner überforderten Mutter in das Fürsorgeheim der Diakonie Freistatt abgeschoben, wo er zu einem anständigen Jungen "erzogen" werden soll. Wolfgang leistet Widerstand gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen und die perfiden Erziehungsmethoden des Heimleiters, lässt sich nicht von ihm unterkriegen. Doch wie lange kann er sich noch gegen dieses System von Gewalt und Unterdrückung wehren, ohne dabei selbst zu verrohen? Wolfgang plant die Flucht. Weitere Informationen (Darsteller, Produktionsteam, Regisseur) finden Sie hier.

Der Film ist in wesentlichen Teilen im Spätsommer 2013 im Ort Freistatt bei Diepholz/Niedersachsen gedreht worden. Er nimmt sowohl was die Hauptfigur und den Plot als auch was das gesellschaftliche Umfeld und das Erziehungsverständnis angeht, reale Verhältnisse der damaligen Zeit auf.

Dreharbeiten zum Film
Dreharbeiten zum Film
Dreharbeiten zum Film

Bethel hat die Dreharbeiten für den Film im Spätsommer und Herbst 2013 maßgeblich unterstützt. Bereits bei der Erarbeitung des Drehbuchs gab es zahlreiche Gespräche und Recherchen in der Ortschaft Freistatt und einen Austausch mit ehemaligen Fürsorgezöglingen, die mit Freistatt auch vorher schon in Kontakt standen. Ganz wesentlich bezieht sich „Freistatt“-Regisseur Marc Brummund auf die wissenschaftliche Aufarbeitung zur Fürsorgeerziehung in Freistatt.

Hintergrund

„Freistatt ist heute eine der wenigen offenen Anstalten. Man gibt zu, dass hier im Namen der Kirche unsägliche Dinge geschehen sind. Ehemalige dürfen ihre alten Akten sehen, und die Heimleitung stellt Bescheinigungen aus, auf denen steht, dass die damalige Arbeit nach heutigen Maßstäben sozialversicherungspflichtig gewesen wäre. Neben dem initiierenden Sachbuch von Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herrn“ (2006) war speziell die von den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel  selbst in Auftrag gegebene Studie „Endstation Freistatt“ von 2009, über die Fürsorgeerziehung bis in die 1970er Jahre, Auslöser für diesen Film.  Sein wichtigster Bezug aber ist die von Marc Brummund in vielstündigen Gesprächen aufgezeichnete Geschichte von Wolfgang Rosenkötter, einst Zögling und nun Ombudsmann in Freistatt, die neben weiteren Schilderungen von Erziehern und Betroffenen, auch in anderen Heimen, das Drehbuch von Nicole Armbruster und Marc Brummund mit persönlicher Erfahrung grundierte.

Die Leitung der Diakonie Freistatt hat das Projekt von Beginn an unterstützt und, quasi exklusiv, die Dreharbeiten an den noch weitgehend existierenden Originalschauplätzen ermöglicht.“  (Quelle: Filmverleih Salzgeber & Co. Medien GmbH)

Weitere Hintergrundinformationen zum Film gibt es hier

 

Ausstellung "Moorhort"

Im historischen Gebäude „Moorhort“, einem der Drehorte für den Spielfilm, wird eine Dauerausstellung zur Geschichte der Fürsorgeerziehung in Freistatt gezeigt. Texte, Fotos, Dokumente und Erinnerungen von Fürsorgezöglingen geben einen Einblick in dieses dunkle Kapitel. „Man bekommt hier einen tiefen Eindruck davon, was Fürsorgeerziehung damals hieß, und man kann heute nicht distanziert durch diese Ausstellung gehen, der Alltag von damals trifft einen“, sagt Bethels Vorstandsvorsitzender Pastor Ulrich Pohl.

Moorhort
Schlafsaal
Besucher in der Ausstellung

Die typischen 50er-Jahre-Farben finden sich in den der damaligen Zeit nachempfundenen Räumen des Hauses, verstärkt durch entsprechende Möblierung; in den Schlafsälen, dem Speisesaal und Aufenthaltsraum, dem Büro des Hausvaters oder dem Diakonenzimmer mit dem Fenster direkt in den Schlafsaal. Auch das Kellergeschoss mit den Waschräumen ist weitgehend im Stil der früheren Zeit erhalten, genauso wie das »Stübchen«, die Strafzelle unterm Dach.

Die Ausstellungstafeln und Informationen aus dem Haus Moorhort finden Sie hier (Download PDF)

Persönliche Aufarbeitung

Seit rund zehn Jahren läuft der Prozess der Aufarbeitung des Themas. Dazu gehören auch die vielen Kontakte und persönlichen Gespräche mit ehemaligen Fürsorgezöglingen, die bis heute stattfinden. In den Treffen geht es um die persönliche Aufarbeitung des Lebenswegs, aber auch um die Klärung von Arbeitsbiografien und den Austausch mit anderen Betroffenen. Die noch weitgehend vorhandenen persönlichen Akten wurden den Fürsorgezöglingen für Recherchen zum eigenen Lebenslauf zur Verfügung gestellt.

Fotos: Bethel

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