Pressemitteilung | Nordrhein-Westfalen

Bethel-Hauptarchiv zeigt Forschung zum Nationalsozialismus

Ausstellungs-Besucher erleben "die Schwierigkeit Entscheidungen zu treffen"

Bielefeld-Bethel. Seit Mitte der 1980er-Jahre läuft die intensive historische Aufarbeitung zur Situation und Rolle Bethels im Nationalsozialismus. Weit über 200 Publikationen von unabhängigen Wissenschaftlern sind seither dazu erschienen. Um das wichtige Thema einer großen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, setzt das Hauptarchiv Bethel schon immer auf Ausstellungen – und zunehmend auch auf digitale Angebote. Ab dem 9. April wird auf www.hauptarchiv-bethel.de die digitale Ausstellung »von der Schwierigkeit Entscheidungen zu treffen. Bethel im Nationalsozialismus« zu sehen sein. Sie ist Auftakt eines ganzen Ausstellungsjahres, das im Zeichen der NS-Zeit in Bethel steht. Im Frühjahr 2022 wird erstmals in der Region Ostwestfalen-Lippe eine renommierte Wanderausstellung zur »Kindereuthanasie« im Deutschen Reich gezeigt.

Die Ausstellung »von der Schwierigkeit Entscheidungen zu treffen. Bethel im Nationalsozialismus« ist erzählerisch angelegt: Der NS-Staat stürzt Bethel in die schwerste Krise, die denkbar ist. Seit Herbst 1939 erfährt der Anstaltsleiter Friedrich von Bodelschwingh nach und nach davon, dass im Deutschen Reich Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen systematisch ermordet werden. Wie entscheiden, wie handeln, welche Konsequenzen ziehen? Zu diesen Fragen gehen die Besucher und Besucherinnen die Wege Bodelschwinghs mit. Sie erfahren von den Briefen und von Gesprächen, die hinter den Kulissen geführt wurden. Beispiele von Patienten und Patientinnen zeigen die Willkür der Behörden, Handlungsspielräume von Ärzten und Angehörigen. Ein Themenbereich ist auch das Schicksal der jüdischen Patienten und Patientinnen, die durch die nationalsozialistische Rassenpolitik besonders gefährdet waren. »Die Ausstellung soll auch dazu anregen, sich selber den Schwierigkeiten von Entscheidungen zu stellen«, sagt Kerstin Stockhecke, Leiterin des Hauptarchivs Bethel. Welches Wissen benötigt man heute, um das Handeln der damals Verantwortlichen einschätzen und abwägen zu können? »Hier werden die Besucher und Besucherinnen der digitalen Ausstellung selbst zu historisch Forschenden«, so die Archivarin.

Im Herbst 2021 wird die »App in die Geschichte« vorgestellt. Sie wird derzeit vom Landesinstitut für Schule des Landes Nordrhein-Westfalen und der Universität Paderborn weiterentwickelt. Das Hauptarchiv der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel ist der Praxisort für das Pilotprojekt. In diesem digitalen Lernraum arbeiten Schülerinnen und Schüler zu den Themen Nationalsozialismus, Jugendfürsorgeerziehung in Freistatt und Umbruch in den 1970er-Jahren. Das Besondere: Wie sonst beim Archivbesuch vor Ort haben die Lerngruppen in der App die gesamten Akten zur Verfügung und nicht nur einzelne Dokumente. Alexandra Krebs von der Universität Paderborn begleitet die Entwicklung und evaluiert deren Anwendung im schulischen und universitären Bereich im Rahmen ihrer Dissertation.

Die Ausstellung »Im Gedenken der Kinder. Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit« wird im Frühjahr 2022 in Bielefeld-Bethel im Hauptarchiv gezeigt. Die Wanderausstellung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. war seit ihrer Eröffnung 2012 in der Berliner »Topographie des Terrors« an mehr als 20 Orten zu sehen. Erstellt wurde sie von führenden Historikern und Medizinhistorikern. Schicksale von Kindern mit geistigen und körperlichen Behinderungen und vor allem die Rolle der 31 »Kinderfachabteilungen« im Deutschen Reich werden mit Fotos und Dokumenten präsentiert. Im Vorfeld wird im Wintersemester Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl dazu ein Seminar an der Geschichtsfakultät der Universität Bielefeld anbieten. Studierende werden am Beispiel Bethels Methoden der historischen Forschung erlernen, sich mit dem Thema der nationalsozialistischen »Euthanasie« kritisch auseinandersetzen und eigene Ausstellungsteile entwickeln.

 

Bildtexte:

  • Bethel-Hauptarchiv_zeigt_Forschung_zum_Nationalsozialismus_Bild_1.jpg: Kerstin Stockhecke (v. r.) hat zusammen mit den Archiv-Mitarbeiterinnen Alina Ebmeyer und Jenny Peters eine digitale Ausstellung zu Bethel im Nationalsozialismus erarbeitet. Foto: v. Bodelschwingsche Stiftungen Bethel

Foto: v. Bodelschwingsche Stiftungen Bethel