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25 Jahre Götterspeise: Jubiläumsstück „Alles unter Strom“

Mit Entsetzen verfolgen die Tiere von einem toten Baum aus die zerstörerischen Entwicklungen auf der Erde. Foto: Gunnar Kreutner

„Kriegen wir noch einmal die Kurve?“

„Ich sag euch: Das geht nach hinten los. Ende im Gelände, würde ich mal sagen.“ Von ihrem täglichen Treffpunkt aus, einem toten Baum, haben die Falkin und ihre tierischen Freunde einen guten Überblick über die dramatischen Entwicklungen auf der Welt. Und was sie aus ihrer Perspektive beobachten, bereitet ihnen große Sorgen. Vor allem die Menschen scheinen den Planeten sehenden Auges vor die Wand zu fahren.

„Alles unter Strom“ heißt das neue Stück, für das das Ensemble des inklusiven Theaters Götterspeise seit einigen Monaten probt. Premiere ist am 10. November. Die Aufführung findet im Jubiläumsjahr der Bielefelder Tournee-Theatergruppe statt. 25 Jahre „Götterspeise“ feiert das Forum für Kreativität und Kommunikation gemeinsam mit seinen Betheler Partnern.

In „Unter Strom“ reden die Tiere Klartext. Denn auch sie sind betroffen und haben viel zu sagen. Die 17 Akteurinnen und Akteure hinter den bizarren Masken von Waschbär, Schwein, Kakerlake und Co. melden sich zu Wort: witzig, scharfsinnig, ironisch, boshaft und anklagend. Das Theaterensemble selbst schreibt zu seinem Stück: „Es ist hörbar, riechbar, sichtbar. Es schleicht sich dauerkrisenhaft in unsere Wirklichkeit. Nicht nur die Bienen verschwinden. Alles unter Strom: Menschen, Tiere, Meere, Lüfte, Gesundheit, Politik, Wirtschaft. Die Welt ist nicht erst durch Corona aus der Balance geraten. Wandel und Veränderung sind ständige Begleiter. Kriegen wir noch einmal die Kurve oder fliegen wir raus?“

Unterwasser-Szene aus Stück
Die Koralle leidet unter dem Klimawandel und der damit verbundenen Erwärmung und Übersäuerung der Meere. Foto: Joscha Brüning

Gegenwärtig komme einfach zu viel Dramatisches im Weltgeschehen zusammen – vorneweg der Klimawandel, die Umweltverschmutzung und die Coronapandemie, sagt Regisseurin Diemut Döninghaus. Darum sei die Theatergruppe nicht umhergekommen, sich dieser Themen anzunehmen. „Das tun wir aus dem Blickwinkel der Tiere. Denn die Tiere stellen fest: Die Menschen bekommen selbst gar nicht mehr mit, was sie tun“, so Diemut Döninghaus, die gemeinsam mit Christel Brüning und Martin Neumann das Götterspeise-Ensemble als Regieteam leitet.

Die Verwandlung in ein Tier, überhaupt jeglicher Rollenwechsel, gefällt Darsteller Christoph Joschko. Der 52-Jährige wirkt seit sechs Jahren bei „Götterspeise“ mit. „Man muss sich genau mit der Figur identifizieren, die man spielen soll, und in sie hineinfühlen. Das liegt mir“, ist er überzeugt. Christoph Joschko gehört zu den beeinträchtigten Akteuren im Ensemble. Besonders die Anerkennung durch das Publikum bedeute ihm viel, erzählt er. Auch, dass alle Ensemblemitglieder an der Entwicklung der Stücke mitwirkten.

Genau das ist ein zentrales Ziel von „Götterspeise“. Alle Darsteller bringen sich mit eigenen Texten, Gedanken und Gefühlen ein. „Inklusion war von vornherein unser Ansatz“, so Regisseurin Christel Brüning. Alle seien eine Bereicherung für die Theaterarbeit und könnten voneinander lernen – egal ob mit oder ohne Behinderung. „Selbst dann, wenn jemand nicht sprechen kann, finden wir als Regisseure einen Weg, wie der- oder diejenige eine Figur sichtbar machen kann“, so Christel Brüning.

Das Bielefelder Tournee-Theater gehört zu den Pionieren inklusiver Kulturarbeit. 1996 wurde die Gruppe gegründet, auf Initiative des Bielefelder Vereins Forum für Kreativität und Kommunikation e.V. und in Kooperation mit „Sport und Kultur Eckardtsheim. Der Gründung waren zahlreiche Theaterprojekte in Form von Projektwochen vorausgegangen, teilweise mit Beteiligung internationaler Ensembles. „Wir wollten aber etwas Kontinuierliches anbieten, und zwar außerhalb des Kontextes von Einrichtungen der professionellen Behindertenhilfe oder der Psychiatrie“, sagt Diemut Döninghaus.

„Götterspeise“ soll Menschen mit und ohne Behinderungen die Möglichkeit geben, gemeinsam Theater zu spielen. Im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention ermöglicht die Theatergruppe Menschen mit Behinderungen die gleichberechtigte Teilhabe am kulturellen Leben. Außerdem wird ihnen der Konvention entsprechend Bildung ermöglicht: Die Akteurinnen und Akteure können in der Theaterarbeit Begabungen, Kreativität, Persönlichkeit, geistige und körperliche Fähigkeiten zur Entfaltung bringen.

Das Götterspeise-Ensemble geht europaweit auf Tour. Gefördert wird das Projekt durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, Bethel.regional, Bethel proWerk und durch das Begegnungs- und Freizeitzentrum Eckardtsheim.

Die Premiere von „Unter Strom“ ist am 10. November um 19 Uhr im Thekoasaal, Paracelsusweg 1, in Bielefeld-Eckardtsheim. Eintrittskarten gibt es über das Freizeitzentrum Eckardtsheim, Tel. 0521 1441353, oder über das Forum für Kreativität und Kommunikation, Tel. 0521 176980