Bethel - „Weniger bewerten, mehr fördern“
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„Weniger bewerten, mehr fördern“

Die Autismus-Fachtagung Autea brachte Mitte Juni Fachleute und Speaker aus verschiedenen Ländern in Bielefeld-Bethel zusammen. An zwei Tagen referierten und diskutierten Expertinnen und Experten mit und ohne eigene Autismus-Erfahrung in der Neuen Schmiede. Im Fokus der bilingualen Tagung stand insbesondere die schulische Bildung für autistische Menschen und die Frage, wie bestehende Systeme besser angepasst werden können. Eingeladen hatte der Veranstalter Autea, eine Gemeinschaftsunternehmung des Sozialwerks St. Georg e.V. und Bethel.

„Selbstbestimmung und Autismus“ war Thema des Vortrags von Bo Hejlskov Elvén. Leider, so der dänisch-schwedische Experte, werde selbstbestimmtes Verhalten bei Menschen mit Autismus von ihrem Umfeld oftmals kritisch betrachtet und nicht immer zugebilligt. So werden identische Verhaltensweisen unterschiedlich bewertet. Sein Beispiel: Was bei Kindern als „Weglaufen“ bezeichnet wird, gelte bei Erwachsenen als „Spazierengehen“. Im Alter hingegen werde dann wieder von „Weglaufen“ gesprochen.
Struktur spiele im Leben von autistischen Menschen eine zentrale Rolle, dürfe allerdings nicht als Einschränkung verstanden werden, sondern als Unterstützung, die Unsicherheit reduzieren kann. Von besonderer Bedeutung sei, Wahlmöglichkeiten innerhalb dieser Struktur aufzuzeigen. Der Einsatz von Belohnungen oder Bestrafungen sei hingegen nicht sinnvoll.

Dr. Josef Schovanec stellte den „interkulturellen Dialog“ in den Mittelpunkt seines Beitrags. Der französische Autismus-Experte plädierte für den Blick über den eigenen kulturellen Tellerrand: Während im Westen sprachliche Fähigkeiten stark mit Intelligenz verknüpft werden, existieren in anderen Kulturen alternative Formen der Teilhabe – auch ohne verbale Kommunikation. Beispiele dafür fand er sowohl in Japan als auch in Afrika. Der Versuch, Autisten soziale Fähigkeiten „anzutrainieren“ sei hingegen ein sehr westlich geprägter Ansatz. Sein Appell: weniger bewerten, mehr fördern. Es gebe unzählige Wege zum Erfolg.
Stephanie Fuhrmann wies darauf hin, dass Autismus kein pathologisches Defizit, sondern eine natürliche Variation neurokognitiver Funktionsweisen sei. Zudem sei Neurodivergenz nicht so selten wie landläufig angenommen: Etwa jeder fünfte Mensch sei in irgendeiner Form betroffen. Die Herausforderung liege darin, dass Gesellschaft und insbesondere das Schulsystem stark auf neurotypische Bedürfnisse ausgerichtet sind. Ihr Plädoyer: eine barriere-sensible Gestaltung des Alltags und das frühzeitige Aufzeigen von Optionen. Nur wer als Kind lerne, sich zu entscheiden, könne dies als Erwachsener kompetent anwenden. Gleichzeitig warnte sie ausdrücklich vor „Barrieren-Training“ oder konditionierenden Maßnahmen, die von Betroffenen häufig als belastend oder sogar traumatisch erlebt werden.
Fotos: Matthias Cremer