Karte drauf, digitale Welt auf!

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Karte drauf, digitale Welt auf!

Konzentriert betrachtet Oliver Kemper das Denkspiel auf dem Tablet-Display. Was passt nicht in die Reihe? „Bücher, Lautsprecher oder Kopfhörer? Hm, das ist echt knifflig“, murmelt er, kratzt sich am Kopf und atmet hörbar ein. Schließlich tippt der 44-Jährige, der im Unterstützten Wohnen Beckhausstraße in Bielefeld lebt, auf dem Bildschirm die richtige Lösung an. „Ein bisschen Training für den Kopf tut mir gut und macht Spaß.“  

Ob kurzweilige Spielfreude, lokale Wettervorhersage oder aktuelle Nachrichten – digitale Angebote begleiten uns im Alltag. Doch sie machen das Leben nicht immer nur einfacher: Beim Surfen im Internet oder bei der Nutzung von Apps begegnen uns ständig Werbeeinblendungen, aufdringliche Pop-ups und verlockende Versprechen, die oft unseriös oder sogar betrügerisch sind. Damit sich Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf in der digitalen Welt zurechtfinden, braucht es neben speziellen Hilfsmitteln und barrierefreier Technik auch Medienkompetenz und niedrigschwellige Angebote wie „enna“. 

Das Projekt enna unterstützt Menschen mit Behinderungen, die bisher kaum Zugang zu digitalen Medien haben, beim Einstieg. Anstelle einer komplexen Bedienung über Pad oder Smartphone mit vielen Funktionen wird das System auf einem Tablet über das Auflegen von Karten auf ein Dock gesteuert. Oliver Kemper hat die einfache Bedienung bereits überzeugt: Tablet einschalten, Karte aussuchen und auflegen – schon kann es losgehen. Er probiert gerne neue Dinge aus und lernt dazu. „Anfangs brauche ich noch ein bisschen Hilfe, aber wenn ich es ein paar Mal gemacht habe, komme ich ganz gut zurecht.“ 

Am liebsten mag Oliver Kemper momentan die Karte „Elefant, Tiger und Co.“, auf deren Chip der direkte Link zur Fernseh-Doku-Serie aus dem Leipziger Zoo in der ARD-Mediathek gespeichert ist. Über den Touchscreen kann er eine Folge aussuchen und auf dem Tablet anschauen. Das gezielte Aufrufen der Mediathek wäre für ihn noch zu unübersichtlich und komplex. Das Unterstützte Wohnen Beckhausstraße hat verschiedene enna- Cards: Tagesschau in Leichter Sprache, Wetter in Schildesche, Märchenfilme im Ersten, Hits der 80er oder das aktuelle Sportstudio. 

„Die Technik ist viel einfacher, als sie klingt“, erklärt Christopher Hummerich, Referent der Bethel.regional- Geschäftsführung. „Die Karten speichern keine Inhalte, sondern Links. Über den Link holt sich das Gerät automatisch die passenden Informationen aus dem Internet – ob ein Video, das Wetter oder eine Playlist.“ Kooperationspartner bei diesem Projekt sind die Unternehmen „enna“ als Anbieter der technischen Lösung und „Erdmännchen & Bär“ mit ihrer Expertise für digitale Teilhabe und barrierearme Mediennutzung. In fünf Einrichtungen von Bethel.regional wird das Angebot seit einigen Monaten in einer zweijährigen Pilotphase erprobt. Die Fachkräfte vor Ort sorgen dafür, dass jede Person in ihrem Tempo digitale Erfahrungen sammeln kann. „Im Vorfeld wurden verschiedene Technologien getestet. Enna war für unsere Klientinnen und Klienten am einfachsten zu nutzen und hat am besten funktioniert“, fasst Christopher Hummerich zusammen. 

Es gibt zwei Arten von enna-Cards: allgemeine Karten mit Links zu Fußballvereinen, Musik oder Nachrichten für alle Bewohnerinnen und Bewohner sowie persönliche Karten mit Kontakten, Fotogalerien oder individuellen Playlists. Alle Karten werden beim Technik-Anbieter bestellt. Oliver Kemper freut sich immer über neue. „Da muss nach und nach etwas Abwechslung her“, sagt er. Gemeinsam mit Bethel-Mitarbeiterin Alina Husemann überlegt er, was noch bestellt werden könnte. „Was hältst du von einer enna-Card mit Gymnastik-Übungen zum Nachmachen?“, schlägt sie vor. Er nickt zustimmend. Auch Lernspiele und Gedächtnistraining stehen bei ihm hoch im Kurs. „Ich will immer weiter lernen. Es ist wichtig, dass man nicht aufhört“, sagt er und tippt sich an den Kopf. Kaum erwarten kann er die Ankunft der bereits georderten Karte seines Lieblingsfußballvereins. „Bei der Arminia-Karte müssen wir dranbleiben, da frag ich nochmal nach“, sagt er entschlossen.