Sie haben Frau Merkel eingeladen, als Sie ihr im Fahrstuhl im Kanzleramt begegnet sind. Stimmt die Geschichte?
POHL: Ja, die Chance wollte ich nutzen. Politikerbesuche sind nicht unwichtig. Für unsere Mitarbeitenden war das intern sehr bedeutsam. Sie waren zurecht stolz und haben ihre Arbeit hervorragend präsentiert. Nach außen war es wichtig, gesellschaftlich sichtbar zu bleiben und etwas für Menschen mit Einschränkungen zu erreichen – dazu braucht man Spitzenpolitiker, die mit ihrem Namen Aufmerksamkeit schaffen. Frau Merkel war uns immer sehr verbunden. Die habe ich immer gerne eingeladen. Die Patienten und Gäste Bethels haben diese Besuche sehr ernst genommen.
Gleichzeitig haben die politischen Vorgaben die Arbeit in Bethel auch nicht immer leichtgemacht.
POHL: Das stimmt. Ich habe etwa das Bundesteilhabegesetz immer für problematisch gehalten – nicht in der Zielrichtung, aber in der praktischen Umsetzung und Finanzierung. Wir hatten einen enormen Verwaltungsaufwand, um die damals vorgegebenen Strukturen umzusetzen. Dahinter standen viele Idealisten, die aus ihrer Perspektive etwas Gutes wollten, aber die praktische Umsetzbarkeit wurde unterschätzt. Ähnlich war es viele Jahre in der Schulpolitik. Behinderte Menschen haben nur sehr wenig vom BTHG gehabt.
Sie meinen die Inklusionsdebatte um die Förderschulen?
POHL: Ja. Unsere ehemalige Bildungsministerin hat Förderschulen mit weniger als 140 Schülerinnen und Schülern geschlossen – aus Inklusionsgründen, wie sie sagte. Ich habe ihr mehrfach gesagt, dass ich das für falsch halte. Es gibt Kinder, die gut in einer Regelschule aufgehoben sind, und darüber freue ich mich. Aber man muss die Schulen personell und strukturell vorbereiten, dafür sorgen, dass diese Kinder unter guten Bedingungen lernen und etwa auch an Klassenfahrten teilnehmen können. Wenn es von jetzt auf gleich im neuen Schuljahr laufen soll und niemand vorbereitet ist, dann scheitert das. Viele Eltern wollten ihre Kinder nach einiger Zeit wieder auf eine Förderschule schicken – nur gab es diese Schulen dann teilweise nicht mehr. So fördert man keine Inklusion, so produziert man Exklusion innerhalb der Regelschule.
Bethel hat sich in Ihrer Amtszeit von der „Anstalt“ zum Stiftungsverbund gewandelt. Wie kam es zu diesem Schritt?
POHL: Der Begriff „Anstalt“ war belastet. Es gibt heute zwar noch Badeanstalten oder Rundfunkanstalten, aber für eine Einrichtung wie Bethel ist allein das Wort schwierig. Viele dachten bei „Anstalt“ an Schranken, Mauern, an einen abgeschlossenen Bereich, in den man kaum hineinkommt. In Bielefeld gibt es durchaus Menschen, die noch nie in Bethel waren. „Stiftung“ wird unserer Arbeit mehr gerecht. Das war auch politisch gewollt, dass sich die Eingliederungshilfe öffnet, aber Bethel war da selbst sehr aktiv, lange bevor die politische Vorgabe kam. Früher hieß es oft: „Alle Menschen mit Behinderung kommen nach Bethel.“ Das hat sich verändert. Bethel ist heute vor Ort bei den Menschen im Quartier präsent.
Gibt es ein Ereignis, das Sie im Positiven besonders berührt hat?
POHL: Ein Höhepunkt war für mich die Einweihung des Kinderkrankenhauses – noch besser war die große Kugelinstallation und Aktion, als wir mit allen Schülern der Stadt 3.500 Kugeln bemalt haben. Ich gehe da bis heute gerne hinein und schaue mir dieses Kugelkunstwerk an. Die Kinder erleben das Krankenhaus dadurch anders: nicht nur als Ort, an dem man ist, weil man krank ist, sondern als einen Ort, den sie mitgestaltet haben. Die ganze künstlerische Arbeit im Krankenhaus – ermöglicht auch durch viele Unterstützerinnen und Unterstützer – ist ein großes Geschenk.
Die Region Berlin-Brandenburg schien Ihnen immer eine besondere Herzensangelegenheit zu sein. War das so oder einfach Ihr Vorstandsbereich?
POHL: Es war mein Arbeitsbereich. Aber wenn ich irgendwo hingehe, dann richtig – mit Kopf und Herz. Wir haben den Stiftungsbereich Lobetal kräftig ausgebaut. Heute arbeiten dort ungefähr dreieinhalbtausend Mitarbeitende, von Nauen bis Dreibrück und von Cottbus bis Berlin. Gerade im Ausbildungsbereich haben wir viel getan, damit die Schulen ordentlich arbeiten können. Und natürlich waren mir die Diakonissen in Lazarus immer besonders liebe Menschen.
Sie haben in Ihrer Tätigkeit viele Kilometer abgerissen. Was war Ihnen lieber: Die Verspätungen der Bahn oder die Baustellen auf der A2?
POHL: Vergessen Sie nicht die Baustellen in Bielefeld! Allein aus Bethel herauszukommen, war schon eine Herausforderung (lacht).