Bethel - Analyse tausender Krankenakten
Pressemitteilung
Analyse tausender Krankenakten

Neues Buch beleuchtet Alltag in Bethel zwischen 1924 und 1949
Bielefeld-Bethel. Die Geschichte sozialer und diakonischer Einrichtungen in Deutschland ist bis heute vielfach aus der Perspektive von Institutionen, Ärzten und Verwaltung erzählt worden. Eine neue historische Studie zu den damaligen v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld rückt nun erstmals die Lebenswirklichkeit der Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt. Mit dem jetzt von Dr. Uwe Kaminsky herausgegebenen Buch „Großbetrieb der Barmherzigkeit – Studien zum Alltag in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel 1924 bis 1949“ entsteht eine bislang einzigartige sozialgeschichtliche Analyse des Lebens von Menschen mit Epilepsie, psychischen Erkrankungen und Behinderungen in der größten konfessionellen Fürsorgeeinrichtung Deutschlands. Grundlage der Untersuchung ist eine repräsentative Auswertung tausender Krankenakten, die das Hauptarchiv Bethel einem unabhängigen Forschungsprojekt zur Verfügung gestellt hatte. Die Medizinhistorikerin Marion Hulverscheidt übernahm die Erforschung der Therapien und Pflege, die sich in den Krankenakten abbildeten.
Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt untersucht die Entwicklung Bethels im Spannungsfeld von Fürsorge, medizinischer Behandlung, religiösem Selbstverständnis und sozialer Kontrolle. Die historische wie medizingeschichtliche Studie zeigt, wie eng die Geschichte psychiatrischer Versorgung mit gesellschaftlichen Vorstellungen von „Normalität“, Arbeit, Leistungsfähigkeit und sozialer Zugehörigkeit verbunden war. Im Zentrum der Untersuchung stehen die Lebenswege der Patientinnen und Patienten: ihre soziale Herkunft, die Gründe ihrer Einweisung, ihr Alltag in den Einrichtungen sowie ihre Entlassung oder ihr Tod. Eine Sozialstatistische Analyse wird mit biografischen Einzelgeschichten verbunden. Verglichen werden die Ergebnisse mit einer Stichprobe aus der Provinzialheilanstalt Gütersloh, um Unterschiede zwischen konfessioneller und staatlicher Versorgung sichtbar zu machen.
Die Studie verweist auf den verzögernden Widerstand der Betheler Verantwortlichen gegenüber der von den Nazis zentral organisierten Krankenmordaktion „T4“. So konnten massenhafte Deportationen von Betheler Patientinnen und Patienten in Tötungsanstalten verhindert werden. Zugleich zeichnet die Studie nach, wie Bethel andererseits die nationalsozialistische Eugenik unterstützte. Mehr als 1.600 Sterilisationen wurden in Betheler Krankenhäusern durchgeführt. Die Untersuchung beschreibt diese vermeintlich widersprüchliche Haltung differenziert und löst sich bewusst von einfachen Täter-Opfer-Zuschreibungen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt außerdem den Kriegs- und Nachkriegsjahren. Hunger, Überbelegung, Personalmangel und Infektionskrankheiten führten zu einer erhöhten Sterblichkeit unter den Patientinnen und Patienten. „Sensibilisiert durch die Kenntnisse um die „dezentrale Euthanasie“ in anderen Heil- und Pflegeanstalten wurden die Sterbefälle der Jahre 1941 bis 1947 in der Stichprobe der Patientenakten sorgfältig unter medizinischen Aspekten geprüft“, so Dr. Marion Hulverscheidt, die Ärztin und Medizinhistorikerin in dem interdisziplinären Forschungsprojekt. Die Studie untersucht erstmals systematisch, welche Faktoren das Sterberisiko beeinflussten und wie sich Versorgungskrisen konkret auf das Leben der Menschen in den Anstalten auswirkten. „Die Mangelernährung in den letzten beiden Kriegsjahren und unmittelbar nach dem Krieg hatte erschreckende Folgen für die Sterblichkeit. Für eine gezielt herbeigeführte Tötung im Sinne einer „dezentralen Euthanasie“ gibt es aber keine belastbaren Beweise. Eher ist von einer allgemeinen Akzeptanz des Sterbens von Anstaltspatienten auszugehen“, so das Fazit des Historikers Dr. Uwe Kaminsky.
Mit ihrer Verbindung aus Sozialstatistik, Institutionsgeschichte und biografischer Rekonstruktion schließt die Untersuchung eine bedeutende Forschungslücke. Sie leistet einen wichtigen Beitrag zur Geschichte von Psychiatrie, Behindertenhilfe und Diakonie in Deutschland und eröffnet zugleich neue Sichtweisen auf den Umgang der Gesellschaft mit Krankheit, Behinderung und sozialer Ausgrenzung im 20. Jahrhundert.
Pastorin Andrea Wagner-Pinggéra, Mitglied des Vorstands der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel: „Alltag ist das, in dem wir alle leben, und der sich doch mit Blick in die Vergangenheit nur mit sehr viel Akribie wissenschaftlich rekonstruieren lässt. Mit seiner Studie ermöglicht das Forschungsteam, das über Jahre hochwissenschaftlich die Stichproben aus tausenden Patientenakten ausgewertet hat, eine bislang fehlende Perspektive auf diese bedeutende Zeit in Bethel und schafft nötige wissenschaftliche Erkenntnis.“
Großbetrieb der Barmherzigkeit. Studien zum Alltag in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel 1924 bis 1949. Uwe Kaminsky (HG), Verlag für Regionalgeschichte, Aschendorff Verlag, 648 S.