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Schwerstbehinderte Kinder aus der Ukraine in Bethel angekommen

Bielefeld-Bethel. Um 15:10 Uhr kam das erste Kind in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel an. Ein Spezialtransporter des Deutschen Roten Kreuzes hatte den 16-jährigen schwerstbehinderten Jungen aus dem polnischen Kolberg Non-Stop nach Bielefeld gefahren. Im Minutentakt folgten 26 weitere Fahrzeuge mit insgesamt 34 schwerstbehinderten Kindern und sieben Betreuerinnen mit ihren eigenen vier Kindern. Für sie endete in Bethel eine dramatische fünftägige Flucht aus der Ukraine.

Den Ehrenamtlichen und Bethel-Mitarbeitenden, die die Gruppe vor dem Haus Mamre empfingen, bot sich ein erschütterndes Bild. Die Kinder waren in einem schlechten Zustand, die Strapazen der Flucht waren ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben. „Jetzt geht es für die Kinder erst einmal darum, ausreichend zu trinken und zu essen und zur Ruhe zu kommen. Einige benötigen Flüssignahrung und eine trockene Windel“, sagt Friedrike Koch, die die Aktion gemeinsam mit Anna Kollenberg und Bethel.regional-Geschäftsführerin Sandra Waters maßgeblich vorbereitet hatte.

DRK-Einheiten aus unterschiedlichen Ortsvereinen – unter anderem aus Gütersloh, Bottrop, Hamm und Bielefeld – hatten die Gruppe in einer gemeinsamen Aktion aus Polen abgeholt. Die Kinder waren aus der Nähe von Kiew evakuiert worden. „Über die Flucht selbst wissen wir noch nicht viel“, berichtet Sandra Waters.

Vor dem Haus Mamre wurden die Kinder herzlich empfangen. Zwei ukrainisch sprechende Betheljahr-Teilnehmerinnen übersetzten. Einige der apathisch wirkenden Kinder wurden in Matten in das Haus gebracht, andere direkt auf dem Arm getragen oder an der Hand ins Haus geführt. Dort wurden sie zunächst von einem Arzt untersucht. Anschließend sollten Corona-Tests folgen. „Einige Kinder werden sicherlich in den kommenden Tagen medizinische Versorgung im Kinderkrankenhaus Bethel benötigen“, ist Friederike Koch überzeugt.

Um den traumatisierten Kindern die Ankunft so warm und herzlich wie möglich zu gestalten, wurden hunderte gespendete Kuscheltiere auf ihren Betten sowie in Regalen und auf Sofas verteilt. Schülerinnen und Schüler der Betheler Mamre-Patmos-Schule hatten Blümchen vor dem Eingang gepflanzt. In den Gästezimmern hängen gemalte Bilder von Schülerinnen und Schülern der Sekundarschule.

Im Haus Mamre kümmern sich sieben Bethel-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus unterschiedlichen Hilfefeldern gemeinsam mit den sieben ukrainischen Betreuerinnen um die Kinder. Unterstützt werden sie von einer zweiköpfigen Nachtwache. Die Gruppe werde voraussichtlich lange bleiben, ahnt Bethel.regional-Geschäftsführer Sfefan Helling-Voß. „Glücklicherweise war das Haus Mamre gerade frei. Daher konnten wir es schnell und rechtzeitig herrichten.“ Das Team im Haus biete eine hohe Fachlichkeit, so Sandra Waters. Dazu gehörten Pflegekräfte und Kinderintensivmediziner.

Auf die erste folgt eine zweite Gruppe mit 77 Kindern und Jugendlichen mit leichter und mittlerer Intelligenzminderung. Sie finden im benachbarten Haus Ebenezer ein Zuhause. „Es ist uns eine Herzensangelegenheit für alle Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine in Bethel einen behüteten und sicheren Ort mit passender Pflege und Betreuung zu geben“, so Sandra Waters. Die Geschäftsführerin hatte sich vor einige Tagen bereits vor Ort im 700 Kilometer entfernten Kolberg einen Eindruck von den beiden Gruppen verschafft. Welche psychischen Spuren das erlebte bei den Kindern hinterlassen habe, sei noch nicht absehbar.

Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel wollen in ihren bundesweiten Einrichtungen die Plätze für Menschen aus dem Krisengebiet weiter ausbauen. Bislang wurden insgesamt etwa 140 Geflüchtete an unterschiedlichen Standorten aufgenommen. Mit der zweiten Gruppe werden es dann bereits etwa 220 sein. Bethel hat noch Kapazitäten für weitere 200 Plätze. Ein großes Problem sind allerdings fehlende Fachkräfte, die sich um die besondere Gruppe der Flüchtlinge mit Behinderungen und um Waisenkinder kümmern könnten. Bethel hat auf der eigenen Homepage bethel.de einen Aufruf für die personelle Unterstützung ihrer Flüchtlinge veröffentlicht. Gesucht werden pädagogische und pflegerische Fachkräfte, hauswirtschaftliche Mitarbeitende, aber auch Nicht-Fachkräfte und ehrenamtlich engagierte Menschen.

Bethel hat auf die Notlage in der Ukraine reagiert und den "Spendenfonds Ukrainehilfe" gegründet. Wer die Arbeit in Bethel für die Menschen aus der Ukraine unterstützen will, kann spenden unter www.bethel.de/ukrainehilfe

 

Bildtexte:

  • Ende einer dramatischen Flucht: In Bethel wurden die erschöpften Kinder von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Ehrenamtlichen herzlich empfangen.
  • Viele Kinder konnten aufgrund ihrer schweren Behinderung nur liegend transportiert werden.
    Fotos: Christian Weische